Lob des Masochismus

 

Beobachtung zur Polarisation des Verhaltens

 

In einem Bauernhof am Rande der Pyrenäen vertrat ich Bekannte bei Aufsicht und Versorgung der Menagerie. Hier interessieren in dem thematischen Zusammenhang drei Anwesende: ein riesiger Neufundländer, der meist einen gelangweilten Eindruck machte, sowie zwei junge Katzen aus dem gleichen Wurf, eine Sie und ein Er. Ihn sah ich oft mit zerzaustem und angenässtem Fell hereinkommen. Bald sah ich auch wieso: Er ließ sich von dem Neufu im Maul herumtragen und behutsam schütteln. Dann sah ich auch einmal, wie der Neufu ihn wieder absetzte, weil er ihn nicht „richtig“ angepackt hatte. Der Kater blieb ruhig sitzen bis der Tragebiss richtig saß. Dann konnte es weitergehen.

Ich machte mir Gedanken, was wohl der Sinn dieser Borderline-Show sein könnte, die ich mir nicht hätte ausdenken können: Es muss eine Win-win-Situation gewesen sein. Der Neufu hatte seine Beißwünsche sublimiert, sich als fürsorglicher Boss erwiesen und zudem einen Spielkameraden gefunden, der seine Langeweile vertrieb, während der Kater sich an der Tragstarre aufgeilte. („I enjoy to be so helpless“ kann man bei John Willie oder Eric Stanton nachlesen). Es war ja noch nicht lange her, dass die Mutter ihn so transportiert hatte: Das hatte ihm gefallen. Zudem hatte er einen mächtigen Beschützer gefunden, der seinen Spielkameraden mit Zähnen und Tatzen beschützen würde. Es könnte ja auch anders kommen. Die Futternäpfe für die Katzen waren auf einem Holzstoß, wo der Neufu nicht hinkonnte. Als ich seinen Napf dort hinstellte, produzierte der Kater eine Elendsnummer, die mein Herz erweichen sollte, was auch klappte. Er wollte von mir hochtransportiert werden. Auch nahm er sich heraus, seinem Boss aus dem Napf etwas zu stibitzen, was natürlich eine Provokation war, welche die Beziehung vertiefte. Wie arrangierte sich nun SIE mit der Situation? Sie mochte nun gar nicht im Maul herumtransportiert werden und ging konsequent Annähe-rungsversuchen aus dem Weg. Dann sah ich sie auf dem ruhenden Neufu liegen. Da fühlte sie sich als Herrin des Geschehens und war unangreifbar. Er duldete das. Es war zwar keine Aufgeilerei, sondern gegenseitige Wert-schätzung, die dem Betriebsfrieden diente. Auch ich hatte sie unerwartet auf dem Bauch, als ich lesend auf einer Liege lag. Sie war außerdem mit zwei Sätzen auf dem Holzstoß. Der Gastgeber sagte mir später, dass der Kater ein ebenso guter Mäusefänger sei wie die Katze.

Ein anderer Kater, den ich bei einem Freund kennenlernte, ließ sich von dem Haushund zausen. Erst als es ihm zuviel wurde, zeigte er seine Krallen und beendete das Spektakel. Es handelt sich also nicht um einen Einzelfall. Kaum anders geht es in einem Dominastudio zu.

Was ist wohl der Grund für diese Polarisation des Verhaltens? Eine Katze muss ihr Revier unter Kontrolle haben und dort Herrin des Geschehens sein, wenn sie ihren zahlreichen Nachwuchs durchbringen soll. Genau das ist bei der Paarung, die ja die einzige Daseinsberechtigung eines Katers ist, in Frage gestellt. Aus anatomischen Gründen muss sie der Succubus sein, was ihr sichtlich widerstrebt, und die Revierverteidigung unterlassen. Hingegen muss er bei Rolligkeit umherstreunen, ein empfängnisbereites Weibchen suchen, Nebenbuhler auf unbekanntem Gelände vertreiben, dann alle Register der Unterwürfigkeit ziehen, damit er sie als Incubus rumkriegen kann. Je chaotischer die Situation, umso besser für ihn.

Da bei allen Feliden mit Ausnahme der Löwen die Geschlechterverhältnisse die gleichen sind, gehe ich davon aus, dass die Temperamente hier fest mit dem Geschlecht gekoppelt sind.

                                                                                            

 

 

Eine bemerkenswerte Gesellschaft an einem Futterplatz

Artenübergreifende Vergesellschaftung

                                    

Im Fernsehen kam ein Bericht über das Treiben an einer Futterplatz nahe Er Riyat. Reiche Saudis werfen dort von einer Landstraße ihre Essensabfälle wie auch Nahrungsspenden den Abhang hinunter auf einen Essplatz frei von Plastikmüll, den eine Horde Paviane in Beschlag genommen hat. Sie hält sich eine Hundemeute als Kampftruppe, welche unliebsame Konkurrenz unerbittlich verjagt. Auch einige Katzen sind Teil der Gesellschaft. Affen und Hunde sah man ihre Freundschaft mit intimen Zärtlichkeiten pflegen. Lediglich die Katzen halten mehr Distanz, aber auch Mäuse und Ratten fern. Leider zeigte der Filmbeitrag nur eine Momentaufnahme. Wie mag es nun zu diesem artenübergreifendem  Bündnis gekommen sein ? Anfangs womöglich so:

 

Bild und Begleittext aus GEO 10/2015 Auszug

Obwohl zumindest Jungtiere der Djeladas durchaus auf dem Speisezettel des Jägers stehen könnten, ergreifen die in Gruppen lebenden Affen beim Anblick eines Äthiopi-Wolfes nicht die Flucht, sondern lassen ihn bis auf 1 bis 2 Metern an sich heran. Wölfe bewegen sich ruhig in der Djelada-Herde und vermeiden es Aufregung zu erzeugen. Was haben die beiden Arten davon sich auf die Nähe einzulassen ? Die Wölfe kommen dadurch leichter zu ihrer Hauptbeute, kleinen Nagetieren, die durch die Affen aufgescheucht werden. Junge Djeladas wiederum profitieren davon, nicht von den Wölfen angegriffen zu werden. Forscher spekulieren, ob diese Annäherung der Arten ein Frühstadium der Domestizierung ist – auf ähnliche Weise könnte einst unser Grauwolf zum Haushund geworden sein.

 

Das Problem der Affen mag der Fleischanteil gewesen sein, welcher Rudel verwilderter Hunde anlockt. Die Affen haben auf ebenem Gelände gegen sie einen schweren Stand. Da liegt es nahe, einzelne streunende junge Hunde, welche eine Bleibe nebst Futter suchen, soweit sie sich freundlich nähern, als Schutztruppe wie Hütehunde in die Gesellschaft zu integrieren, um „böse“ Hunde zu vertreiben. Sie sind ja nur begrenzt Nahrungskonkurrenz. Haben Affen etwa vor den Menschen Wölfe „domestiziert“?

Die gezeigten intimen Kontakte sind aber wohl erst mit Hunden möglich. Eine Langzeitbeobachtung, wie weit die Liebe geht, wäre sicher aufschlussreich, hat es womöglich auch gegeben, aber bei den Saudis stößt die Wissenschaft an Grenzen. Da sind die Mullahs vor.

 

Nachtrag

 

Ein französisches Filmteam unter der Assistenz eines ortskundigen Führers fand zwei nahezu identische Scenen bei An Namas und Ta´if unweit von Mekka und brachte recht freizügige Aufnahmen der dortigen Verhältnisse ins Fernsehen. Die artenübergreifenden Zärtlichkeiten und sexuelle Querbeet-Anwandlungen waren, wie von mir vermutet, recht weitgehend, und wurden ohne Scheu ins Bild gesetzt. Es wurde auch gezeigt, wie beim Auftauchen einer Streifenhyäne in Ta´if die Mantelpaviane Alarm schlugen und zum Angriff starteten, worauf die Hunde die Verfolgung aufnahmen, und die Hyäne allein vertrieben.

Eine Begebenheit scheint mir bemerkenswert: Eine Hundemutter hatte ihren Welpen wohl im fälligen Alter verstoßen, und der suchte jetzt verzweifelt einen schützenden Anschluss. Eine Pavianmutter ergriff die Gelegenheit und den Schwanz des Welpen, und zog ihn höchst unsanft mit hoher Geschwindigkeit demonstrativ quer durch die Versammlung. Später sah man ihn bei seiner neuen Beschützerin und ihrem Nachwuchs: Der Kindesraub als Aufnahmeritual in die Gesellschaft. (Das hat es schon bei den Alten Griechen gegeben.) Und die Pavianmutter hatte einen zukünftigen Babysitter und Beschützer für ihren Nachwuchs ans Nest gezogen.

Auch hier hatten sich Katzen eingefunden und wurden in die Fellpflege einbezogen. Als Halter einer Katze machte ich mir Gedanken, wie sie wohl Aufnahme gefunden haben könnten, da der Filmbeitrag ihre Rolle nicht thematisierte. Katzen sind ja sehr scheu, und aufgrund ihrer Nahrung (zwei Katzen machen vor einem Mauseloch keinen Sinn) nicht kooperativ. Meine Vermutung: Die Katzen wurden als letzte in die Gemeinschaft aufgenommen, Sie brachten als Hauskatzen immerhin schon zivilisatorische Erfahrungen mit. Ein als Jungtier verstoßener Kater, Abenteuern nicht abgeneigt, wird den Anfang gemacht haben. Er wird sich behutsam vorgestellt und um Asyl gebettelt haben. Mit dem Kätzchenbonus ausgestattet weckte er keine Aggressionen und passte auch in kein Beuteschema. So mag er zunächst geduldet worden sein. Ratten und Mäuse sind keine zu unterschätzende Nahrungs-mittelkonkurrenz für Hunde und Affen, der sie nur schwer begegnen können. Ihnen fehlt dazu die Geduld. Hier wird er sich nützlich gemacht haben und seine Stellung gesichert haben. Weitere zugezogene Katzen werden auch selbst dafür gesorgt haben, dass sie nicht überhand nahmen.

Die Begründer dieser Vergesellschaftungen sind die Saudis, da sie nur bei ihnen belegt mehrfach vorkommen. Ihre Motivation konnte wohl bei der Recherche aus Kamerascheu nicht hinterfragt werden. Man sah sie nur aus der Ferne ihre Gaben ausstreuen, wobei sie den Kameras den Rücken zukehrten. Ohne ihre nachhaltige "Sozialhilfe" würde diese „Zivilisation“ sofort zusamm-enbrechen. Bei ihrem strengen Islam gelten Hunde, und Affen sowieso, als „unrein“, und werden aus den Haushalten verbannt.

So bleibt ungeklärt, ob sich die Tierliebe hier Bahn bricht, ob man sich hier einen geilen Zoo hält, oder der Wunsch bestimmend ist, von Plünderungen marodierender Banden in ihrem privaten Bereich verschont zu werden. Am wahrscheinlichsten halte ich eine Mischung von allen drei Motiven.

 

In einem weiteren Filmbeitrag sah ich eine Horde Kapuzineraffen, welche ein Männchen einer größeren und stärkeren Affenart adoptiert hatten, welches dann zu ihrem Anführer und Beschützer wurde.

 

In dem Kinofilm Der mit dem Wolf tanzt ist es ein von seiner Meute verstoßener Wolf, der den Kontakt mit dem Helden des Films sucht. Dieses Verhalten dürfte der erste Schritt der Domestikation des Wolfes und seiner Verwandlung zu einem Hund gewesen sein.

 

                                                                                                                                                                                               

  Tarnen, tricksen, täuschen

            Vorkommen innerartlicher Täuschungsmanöver

 

Täuschungen sind eine Intelligenzleistung, welche eine hohe Gehirnkapazität erfordert. Der Aufwand ist daher ins Verhältnis zu setzen zu dem möglichen Vorteil (Ertrag). Generell gilt bei innerartlichen Täuschungsmanövern: Sie müssen eine Gelegenheit haben, den Aufwand lohnen, und das Risiko der Entdeckung muss gering sein.

Bei den zweitemperamentigen Herdentieren kann man das Vorkommen von Täuschungen ausschließen. Sie begnügen sich mit minderwertiger, dafür massenhaft vorkommender Kost, welche sie sich teilen.

Bei einzeln lebenden Tieren, welche Früchte, Samenstände oder Beutetiere verzehren, gibt es die Möglichkeit, die Beute vor Artgenossen zu verstecken, oder sie ihnen abzujagen, was eine Angelegenheit der körperlichen Überlegenheit oder Geschicklichkeit ist. Eine Täuschung findet nicht statt.

Bei Vögeln, die sich zu ihrem Schutz zu Schwärmen wechselnder Mitgliedschaft zusammenschließen, ist schon beobachtet worden, dass ein Mitglied bei Entdeckung besonders hochwertiger Beute einen Warnpfiff ausstieß, der die Artgenossen verscheuchte. Sollte es sich um eine kleinere Gruppe von Vögeln hoher Intelligenz wie zum Beispiel Keas oder Stare handeln, welche in fester Gemeinschaft oder solcher mit geringer Fluktuation leben, so liegt eine  Täuschungsabsicht nahe. Ob hier Viertemperamentigkeit das heißt große Unterschiedlichkeit im Verhalten vorliegt, ist für mich eine naheliegende Frage. Sie würde die Entstehung der vier Temperamente noch weiter in die Vergangenheit verlagern.

Ob bei eindeutig viertemperamentigen Gemeinschaften, welche in engem Verband zusammenleben, Täuschung und Betrug generell zu erwarten sind, ist noch ungeklärt. Bei Wölfen wurde meines Wissens derlei noch nicht nachgewiesen. Das könnte daran liegen, dass sie gemeinsam größere Beutetiere jagen, die sie auch gemeinsam bei Beachtung der Rangordnung verzehren. Dabei besteht keine Möglichkeit der Täuschung. Hunde könnten sich in der Beziehung zu Menschen von ihnen „Tricks“ abgeschaut haben.

Ein „vermenschlichtes“ Erlebnis schildert der Psychologe Georg John Romanes in seinem 1883 erschienenem Werk Animal Behaviour mit seinem Hund:

 

Der Terrier hatte großen Spaß daran, Fliegen von den Fensterscheiben wegzufangen. Wurde er gehänselt, wenn ihm das nicht gelang, ärgerte ihn das offenbar sehr. Eines Tages – um zu sehen, was er tun würde – lachte ich ungezügelt jedesmal, wenn einer seiner Versuche fehlschlug. Das passierte mehrere Male hintereinander – teilweise, glaube ich, als Reaktion auf mein Lachen – und schließlich war er so bedrängt, dass er gewisslich vorgab, die Fliege zu fangen. Er machte mit Lippen und Zunge alle entsprechenden Bewegungen, uns anschließend rieb er seinen Hals auf dem Boden, als wolle er sein Opfer töten: Dann schaute er zu mir auf mit einer triumphierender Miene des Erfolges. Der ganze Prozess war so gut simuliert, dass ich wohl darauf hereingefallen wäre, hätte ich nicht die Fliege bemerkt, die noch immer auf dem Fenster saß. Ich machte ihn auf diese Tatsache aufmerksam als auch darauf, dass auf dem Boden nichts zu sehen war. Und als er erkannte, dass seine Heuchelei durchschaut worden war, verkroch er sich unter die Möbel, offenbar sehr über sich selbst beschämt.

 

Diese Beobachtung krankt daran, dass die Täuschung nicht innerartlich war, sondern eine Veranstaltung des Autors darstellt. Sie zeigt aber das geistige Potential für eine innerartliche Täuschung, die bei Rudeln oder Meuten von Hunden erst mehrfach nach-gewiesen werden müsste, was schwierig sein dürfte, weil die innerartliche Kontrolle bei Verteilung der Beute groß ist. Um Täuschungen zu ermöglichen, wie es bei den Primaten als Mischköstler der Fall ist, darf die Beute nicht zu groß oder zu klein sein. So kommt es, dass eindeutige innerartliche Betrugsabsichten in großer Zahl bislang nur bei Primaten nachgewiesen werden konnten. Das liegt daran, dass innerartliche Täuschungen im Tierreich, weil nicht besonders ertragreich, verhältnismäßig selten sind.

 

In dem Buch von Volker Sommer Lob der Lüge werden in dem Kapitel Taktische Täuschungen unter Primaten Beispiele aufgeführt, welche Richard Byrne und Andy Whiten in einer Datensammlung von mehreren Hundert „Fällen“ zusammengestellt haben, welche sie in 21 Kategorien einordneten. Hier eine Täuschung erster Ordnung:

 

 

Taktische Täuschung liegt vor, wenn ein Tier "ehrliches" Verhalten benutzt, um seine Artgenossen irrezuführen.

 

……Auch der halbstarke Pavian Melton  beherrschte offenbar einen Bluff: Als er ein Baby zu rauh behandelte und von dessen Clan angegriffen wurde, floh er nicht, sondern stellte sich auf die Hinterbeine und ließ den Blick schweifen. Genau das tun Paviane, wenn sie Freßfeinde entdeckt haben. Die Angreifer starrten ebenfalls ins Gelände und vergaßen seine Bestrafung völlig.

 

 

Eine Täuschung höherer Ordnung ist die Gegentäuschung. Sie wurde bislang erst bei Menschenaffen und Pavianen nachgewiesen.

 

 

Schimpansen sind die Lügenbarone des Tierreichs. Ihre Intelligenzleistungen reichen offenbar sogar aus, um die Täuschungsabsicht anderer zu durchschauen und zu kontern - wie diese Comic-Folge illustriert, die auf einer wahren Begebenheit in Tansania beruht.

 

Auch eine gelungene „verbotene“ Kopulation ist als Beute anzusehen. Bei der folgenden Szene handelt es sich um eine mentale Repräsentation, wie Sommer sie nennt, eine Fähigkeit des Gedankenlesens.

 

In der Folge werden die einzelnen Täuschungskriterien mit Schilderungen signifikanter Beobachtungen unterlegt. Es zeigen sich sogar Ansätze rekursiven Denkens in der Gegentäuschung: „Ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß“, eine Denkweise, die bei den Menschen in den Schachtelsätzen kulminiert, in denen man seine wahren Gedanken am besten verbergen kann.

Die Folgen misslungener Täuschungen: Meine Täuschungsabsicht war zu durchsichtig. Mit meinem Verhalten habe ich unbewusst meine Täuschungsabsicht verraten. Ich muss mich deshalb in meine Harmlosigkeit so hineinsteigern, dass sie meine Täuschungs-absicht nicht verrät.

 

Die wahren Großmeister der Täuschung sind die Menschen. Ein übergroßes Gehirn schafft dafür die Voraussetzung. Vor allem mit ihren sozialen Mitteln der Sprache, Bilder (auch bewegte), Musik und Tanz erreichen sie mit Hilfe der modernen Kommunikations-mittel eine große Reichweite der Täuschungen, was schon zu Weltkriegen geführt hat. Lüge, Auswahl (Zensur), Fälschung, Ver-harmlosung (Verkitschung) sind hier die wichtigsten Stilmittel. Mit diesen kann man genau so große (wenn nicht größere) Beute machen, wie mit Wahrhaftigkeit. In dem gleichen Maß, wie sich die Wahrheiten vermehren, müssen also auch die Lügen zunehmen, wobei beide nur schwer oder gar nicht voneinander geschieden werden können. Lügen und Wahrheiten sind reflexive Ansichten auf einer Metaebene mit begrenzter Haltbarkeit, die aber auch Jahrtausende überdauern kann, wenn gesellschaftliche Totems betroffen sind.

Wo Lügen in großer Zahl produziert werden, muss sich auch die Fähigkeit entwickeln, sie zu erkennen und aufzudecken, will man nicht ihnen zum Opfer fallen. Die bewusste Lüge verrät sich, dem Lügner unbewusst, durch bemerkbare Signale des Körpers. Es muss sich daher eine Praxis in einer Population von Lügnern, die wir mehr oder weniger alle sind, entwickeln, „zu lügen ohne rot zu werden“. Dafür gibt es eine Vielzahl von Techniken. Die gebräuchlichste ist, die Lügengespinste so oft im eigenen oder kollektiven Echoraum zu wiederholen, bis sie zur Wahrheit gerinnen, und die Selbsttäuschung die Täuschung überzeugend werden lässt. Das führt in Konsequenz zur immer weiteren Inflationierung des Selbstbetrugs.

Desmond Morris beschreibt in seinem Buch "Der nackte Affe" die "Verhaltenslüge" als die effektivste Form der Täuschung:

Am erfolgreichsten sind solche "Verhaltenslügner", die sich nicht bewusst darauf konzentrieren, bestimmte Signale abzuwan-deln und so für ihre Zwecke einzusetzen, sondern die sich selbst in die Grundstimmung hineindenken und hineinsteigern, die sie an den Mann zu bringen beabsichtigen - jetzt können sie die sich daraufhin einstellenden kleinen Zeichen durch sich selbst wirken lassen. Nach dieser Methode handeln besonders häufig und mit großem Erfolg die professionellen Lügner - und zu diesen gehören auch die Schauspieler und Schauspielerinnen. Ihr ganzes Berufsleben zielt ja darauf ab, "Verhaltenslügen" zu produzieren.

Dass wir die Täuschung lieben, zeigt die Verehrung, die wir den professionellen Täuschern aus dem Kultur-, Religions- und Politikbetrieb entgegenbringen, ferner, dass wir eine Enttäuschung, über die wir als vorgeblich die Wahrheit Liebenden eigentlich froh sein sollten, als etwas Negatives betrachten.

 

Es fehlt mir die Kompetenz, mich weiter über die Dialektik von Lüge und Wahrheit auszulassen, was auch im Rahmen dieser Abhandlung nicht sinnvoll wäre. Die Literatur darüber ist bereits gewaltig. Schon Grußworte, wie Guten Tag, Grüß Gott, können als Konventionen sowohl wahr, wie auch falsch sein. Lediglich, ob man ein Grußwort ausspricht, oder den Gruß durch Abwendung vermeidet, ist eine Botschaft.

 

Anstelle mich weiter über das schier unerschöpfliche Thema zu verbreiten, möchte ich lieber einen Erfahrungsaustausch mit einem bildenden Künstler schildern, der in einem Pfarrhaus aufwuchs, in dem er die Rolle des Pfarrhausteufels zu übernehmen hatte. Diese

Rolle muss offenbar in jedem Pfarrhaus besetzt werden, da der Pfarrer als Stellvertreter Gottes ständig in der Familie einen Teufel als Sparringspartner benötigt, um in Form bei der Verfolgung der familiären Lügen zu bleiben. Die Großmutter, eine fromme Frau, vertraute meinem Freund einmal an: In einem Pfarrhaus fühlt sich der Teufel am wohlsten, da hockt er in jeder Ecke. Auch im Kopf meiner Mutter muss der Teufel stets präsent gewesen sein. Wenn ich mal wieder nicht folgsam war, tippte sie mit 2 Fingern an meine Stirn und sagte: "Da kommen schon die Teufelshörner raus". In religiösen Gemeinschaften müssen teufliche Wesen als Requisit offensichtlich unverzichtbar sein.

Wir tauschten uns aus über die Bestrafungsrituale in unseren Elternhäusern. Der Kohlenkeller war eine Selbstverständlichkeit. Dann kamen wir über die Prügel zu sprechen, von denen ich als Sohn eines Religionslehrers weniger betroffen war. Da er bei der Diskussion seiner Vergehen stets der Lüge den Vorzug gegenüber der Wahrheit gab, war das eine ständige Herausforderung des Vaters. Dieser befahl seinem verstockten Sohn anlässlich eines Verhörs: Schau in das Licht der Wahrheit! Dabei deutete er auf die Schirmlampe, auf dem der Stock des Strafvollzugs lag.

Da die Bewirtschaftung von Lügen aufwändig ist – schließlich muss man sich merken, wem man welche Lüge aufgetischt hat – fragte ich ihn, wie er es mache, dass er sich in seinen Lügengespinsten nicht verheddere. Er gestand mir darauf, dass er schon im Verlauf einer Missetat die Begebenheit in der Form einer Lüge umdeute. Dann verrate er sich nicht durch unterschiedliche Versionen des Vorfalls. Die Wahrnehmung wird so zur „Falschnehmung“.

"Mundus vult decipi" (Die Welt will getäuscht werden) lernte ich im Lateinuntericht als Beispiel für den Infinitiv passiv. Ein anderer Freund hat einmal in einem lichten Moment den Begriff der Selbstverheuchelung geprägt. Ein typisches Beispiel dafür mit weit reichenden Folgen ist unsere Stellung in der Natur. Zunächst hatte und hat noch immer ein Gott uns separat von allen anderen Lebewesen erschaffen. Als das aufgrund des Aufblühens der Wissenschaft nicht mehr haltbar wurde, ist die Sprachregelung entstanden, dass der Mensch vom Affen abstamme. Dass der Mensch ein Affe sei, kann er sich auch heute noch nicht im allgemeinen Sprachgebrauch zumuten. Das lässt der Dünkel und Herrschaftsanspruch nicht zu.

 

Im Verhalten erregter Massen wurde ähnliches als Massensuggestion beobachtet, wie Le Bon es in seiner Psychologie der Massen schildert. Über die Bedeutung von Täuschungen für die menschlichen Gesellschaften schreibt er:

Die soziale Täuschung herrscht heute auf allen Ruinen, die die Vergangenheit auftürmte, und ihr gehört die Zukunft. Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihr missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer. 

Da muss ich aufpassen.

 

Alle kursiven Zitate, sofern nicht direkt benannt, sind dem o. g. Buch von Volker Sommer entnommen

 

 

    Sexuelle Besonderheiten der vier Temperamente

 

Die Zoophilie: Sie ist bei allen freilebenden viertemperamentigen Tieren eine Sexualausstattung minderen Ranges, weil die ökonomische Basis dafür fehlt. Sie wird erst dann zu einer prägenden Vergesellschaftung, wenn sich für beide Seiten daraus ein Vorteil ergibt.

Die Bisexualität: Sie ist die Voraussetzung zur Bildung rein männlicher oder weiblicher Koalitionen, Bünden und Jagdgemein-schaften, die besonders bei den Löwen vielfach belegt ist.

Ganzjährige Paarungsbereitschaft: Da das Sozialverhalten von der Sexualität bestimmt wird, allerdings von Tabus und Sitten eingegrenzt, ist sie zwingend.

Die Pädophilie: Sie bedeutet, dass der Schutz, Hegetrieb und die Erziehung sich nicht nur auf den eigenen Nachwuchs beschränkt, sondern auch alle Nachkommen der Gruppe mit einbezieht.

Die Gerontophilie: Altersschwache Mitglieder werden nicht vertrieben, oder ihrem Schicksal überlassen, sondern geehrt und umsorgt.

 

Zur Zoophilie: Keine Art hat sich dermaßen von Verbindungen mit anderen Tierarten abhängig gemacht, wie der Mensch, sei es in deren Versklavung oder der Verlockung. Diese Abhängigkeit zeigt sich schon in der Mythologie der Antike. Dort finden sich tier-menschliche Mischwesen (Zooanthropie) mit überwiegend positiver Bewertung. So wurden in Ägypten viele Götter als Wesen mit menschlichem Körper und tierischen Köpfen dargestellt. Nur bei der Sphinx war es unter feindlichem Aspekt umgekehrt. Bei den Griechen kamen als Dämonen die Harpyien und Gorgonen hinzu, aber die Zentauren galten als Weisheitsvermittler, Faune und Satyrn als Besitzer übermäßiger Potenz. Zeus verführte Europa in Gestalt eines Stiers, Ganymed raubte er als Adler.

Wenngleich das Christentum die Zoophilie verteufelte, ist der Teufel selbst ein solches Mischwesen unter feindlichem Aspekt, dem Engel positiv gegenübergestellt wurden und werden. In vielen Märchen (z. B. Der Froschkönig) können sich Menschen in Tiere und wieder zurück verwandeln. Der Werwolf und der Vampir sind negativ besetzt, Leda mit dem Schwan und die Meerjungfrauen eher positiv oder neutral. Es überwiegen jedoch Dämonen (z.B. bei Hieronimus Bosch) als grausame tier-menschliche Mischwesen, und es werden missliebige Menschen vertiert dargestellt, um sie herabzuwürdigen.

Die Abhängigkeit von den Tieren, sei es als mannigfache Beute oder als Partner mit überlegenen Sinnen, hat es mit sich gebracht, dass zoophile Kontakte und Gemeinschaften als „normal“ angesehen werden, welche auch emotionale Bedürfnisse befriedigen. Die Literatur darüber ist so umfangreich, dass sie den Rahmen dieser Abhandlung sprengen würde. Nur die wenigsten alltäglichen Begebenheiten erreichen das Licht der Öffentlichkeit. Von besonderer Bedeutung ist das Verhältnis zu Pferden, welches heute nur mit dem zu Automobilen vergleichbar ist.

Unter dem Patronat von Menschen und aufgrund der gemeinsamen Futterquelle sieht man Paarungs- und Besteigungsversuche sowie Geselligkeiten zwischen verschiedenen zweitemperamentigen Tieren. Diese sehe ich als Ausdruck einer Not- und Bedrängnissituation durch Zusammentreffen mit anderen Arten, die sich sonst meiden, oder feindlich gegenüberstehen. So kommt es zu sexueller Verwahrlosung (Gefängniskoller), wie sie auch unter den „zivilisierten“ Menschen selbst vorkommt. Ein Beispiel dafür schildere ich im vorigen Kapitel. Als Gegenargument lasse ich diese Verhaltensweisen, die in freier Wildbahn nicht vorkommen, nicht gelten.

 

Zur Bisexualität: Nach den Ermittlungen von Sexualforschern liegt der Anteil von Bisexuellen unter den Menschen bei etwa 70 %. Der homosexuelle Aspekt, den ich besonders in allen Männer- und Frauenbünden stark vertreten sehe, lässt mich vermuten, dass er die Voraussetzung dieser Verbindungen darstellt. Vor allem dort, wo er aus Gründen der Sexualmoral am erbittertsten geleugnet wird, zum Beispiel im Mannschaftssport oder im Ringen, in Klöstern oder bei zölibatärem Klerus, ist er vermehrt anzutreffen.

 

Zur Pädophilie: Von den Löwen ist bekannt, wenn die Erwachsenen gemeinsam auf die Jagd gehen, dass ein Elternteil den Schutz aller Jungtiere übernimmt (Kindergarten und Schule). Bei Schimpansen ist belegt, dass die Mutter ihr Junges anderen Mitgliedern der Gemeinschaft (oft den Paschas) zeitweise überlässt, und solches auch erwartet und gefordert wird, um eine Beziehung mit Verantwortung aufzubauen. Übergriffiges Verhalten wird bei Entdeckung sanktioniert.

 

 

                                                      Die Temperamente bei den Säugetieren

 

Zur Entwicklung der Temperamente kann ich nur Vermutungen anführen, die von der größten Plausibilität ausgehen. Wissenschaftliche Erkenntnisse dazu sind mir nicht bekannt. Der Mangel an Relikten aus der Zeit der großen Umwälzungen lässt nur Spekulationen zu. Ab und zu werden ein paar Zähne gefunden.

Wenn morgen der Einschlag eines Meteoriten die Erde verwüsten würde, welche Kleinsäuger könnten überleben? Da fallen mir ganz spontan die Ratten ein, die auf der ganzen Erde in vielen Klimazonen anzutreffen sind.

Ausgehend von der Zeit nach dem Meteoriteneinschlag hatten diejenigen Arten von Kleinsäugern die größte Überlebenschance, welche am anpassungsfähigsten und vielseitigsten jede nur mögliche Nahrungsquelle durch das System uneigennütziger Kundschafter sich erschließen konnten. Innovative Wissbegier, Problemlösung und soziales Verhalten in Kleingruppen sind Kennzeichen der vier Temperamente, und werden diese begünstigt haben. Allesfresser von Wurzeln, Aas und Insekten (Generalisten) sollten in der langen Zeit (12 Millionen Jahre) der großen Umbrüche im Paläozoikum im Vorteil gewesen sein gegenüber den starreren Verhaltensweisen der Zweitemperamentler, welche als Spezialisten in dieser Zeit zusammen mit ihrer Nahrungsquelle untergehen mussten. (Vorstellen kann ich mir lediglich das Überleben einer Art ähnlich den Maulwürfen oder Biber.) Erst als die Verhältnisse sich langsam stabilisiert hatten, die Blütenpflanzen sich massiv entwickelten, und neue Möglichkeiten Beute zu machen erschienen, konnten diese bei langsamerem Wandel erfolgreich werden. Die Austattung mit 4 T. wäre für sie unnötiger und hinderlicher Ballast gewesen bei der Entwicklung in einer einmal gefundenen Nische. Ich gehe also davon aus, dass damals zumindest der allergrößte Teil der überlebenden Säugetierarten, wenn nicht alle, viertemperamentig war. Aus dem sekundären Fundus der Verhaltensvielfalt an Überlebensstrategien und Sozialisierungen konnten sich die evolvierenden Arten die günstigsten aussuchen, und lästige, viel Energie und Gehirnmasse und längere Adoleszenz erforderlichen, abschaffen und verfallen lassen.

 

Zur Verdeutlichung einige Beispiele von heutigen Säugetieren:

 

Bei den Feliden haben lediglich die Löwen die anfänglichen 4 T. beibehalten, und in der Form der Gruppenjäger mit den Weibchen als Kerngruppe und Männchen als Paschas auf Zeit weiterentwickelt. Sie sind aber keine Generalisten geblieben, sondern sind zu Spezialisten für Großwild geworden, wozu sie das 4 T.- Modell beibehielten. Von dem ursprünglichen Modell der Gruppenjäger emanzipierten sich mit der Zeit die anderen Feliden als Einzeltiere. Da ansonsten die Feliden als recht entwicklungsträge einzuschätzen sind, werden die äußerlichen Übereinstimungen ihrer Gestalt einsichtig.

 

Die Wölfe machen als Fleischfresser Jagd in Rudeln auf weit größere Pflanzenfresser, welche sie als Einzelgänger kaum jemals erbeuten könnten. Der Verzehr der Beute ist hierarchisch streng geregelt. Das Alphapaar darf zuerst fressen, bekommt die Leber als Delikatesse, und demonstriert damit seinen Rang. Nur das Alphapaar darf sich fortpflanzen, der Rest des Rudels beteiligt sich an der Aufzucht durch Herauswürgen von Futter. Eine Paarbildung zeigt sich bei ihnen in freundschaftlichen Beziehungen, die dem gleichen Muster wie bei den Menschen folgen. Auch sie sind keine Generalisten mehr.

 

Bei den Erdmännchen aus der Familie der Schleichkatzen dient die weitgehende Beibehaltung der 4 T.- Sozialisation der Sicherheit. Ihr Auftreten im Freien hat einen Aspekt des Militärischen. Sie postieren sich manchmal aufrecht in Reih und Glied im Sonnenschein, dann schwärmen sie zur Suche nach Beute (Kleintiere und Insekten) aus, wobei ein Posten an erhöhter Stelle die Luftüberwachung übernimmt, und Alarm schlägt, wenn Gefahr droht (Kommandostruktur). Räuberischen Eindringlingen und konkurrierenden Gruppen begegnen sie unerschrocken in Formation, bevor sie sich ins Getümmel stürzen. Ihr Intimleben in ausgedehnten Höhlensystemen entzieht sich der Beobachtung.

 

Bei den Paarhufern gibt es die größte Variabilität der Formen der Vergesellschaftung. Die Wildschweine sind die einzigen Allesfresser der Ordnung. Da sie äußerst wehrhaft und intelligent sind, können sie sich als Einzelgänger im Wald gegen Beutegreifer behaupten. Es wurde schon beobachtet, dass ein Riesenwildschwein in Afrika bei Angriff eines Löwen zur Furie wurde, als ihr Nachwuchs bedroht war, und den Löwen in die Flucht trieb. Eine Bache bildet mit ihrem Nachwuchs eine Rotte, zu der zur Paarungszeit sich ein Eber anschließt, der ansonsten auch Einzelgänger ist.

Alle anderen Paarhufer sind reine Pflanzenfresser, welche als Gruppe nicht um Beute konkurrieren, und daher nur lockere Gemeinschaften bilden. Die Weibchen von Rothirschen schließen sich zu mittelgroßen Herden zusammen, welche eine dominante Hindin anführt; die Männchen bilden außer in der Brunft ein eigenes Rudel. Kamele bilden Gruppen mit einem dominanten Männchen und einem Harem von Weibchen. Männchen, die (noch) nicht zum Zuge gekommen sind, bilden „Junggesellen“herden. Giraffen leben in lockeren Kleingruppen, deren Zusammensetzung sich täglich ändert, da ihre Reviere riesig sind. Elche leben allein oder in kleinen Familiengruppen. Bisons bilden große Herden in offener Graslandschaft, die sich als anonyme Massen gleichsinnig verhalten, offen für Zu- und Abgänge, wobei der Schutz darauf beruht, dass viele Augen mehr sehen als zwei, und die schiere Masse potenzielle Beutegreifer sensorisch überfordert. Da beim Grasen die Sicht stark behindert ist, musste die Gruppenbildung bei den Herdentieren also aufgrund der Bedrohung durch Raubtiere in offener Landschaft beibehalten werden. Bei Gefahr reagieren die Teilnehmer nicht hierarchisch, sondern gleichsinnig ihren Fähigkeiten entsprechend: entweder mit Flucht, wie bei den Antilopen und Gazellen, oder wie bei den Moschusochsen mit Hörnerparade eine Art Wagenburg zum Schutz der Jungtiere bildend. In Gebirgen lebende Kletterkünstler, wie Ziegen, Schafe, Gemse und Steinbock sind entweder Einzelgänger, oder organisieren sich in beständigeren Kleingruppen, bei denen dann auch Kämpfe um Dominanz stattfinden. In Landschaften, welche Deckung bieten, können sich auch Einzelgänger behaupten.

Unterschiede im Temperament kann ich bei Paarhufern nur zwischen Männchen und Weibchen erkennen. Sie sind also zweitemperamentig. Das gilt auch für alle Pflanzenfresser. Ihre Überlebensstrategie ist entweder auf Flucht, oder auf Verteidigung ausgerichtet. Bei Großwild kommt es vor, dass starke Individuen zum Gegenangriff starten.

Dass Zahnwale viertemperamentig sind, wird jedem einleuchten, der den Aufnahmen bei ihrem „familiären“ Gruppengesang lauschen kann: Ihre Charaktere sind deutlich unterschiedlich. Aber wie konnten sie sich aus Paarhufern entwickelt haben? Es soll anfangs auch Fleischfresser unter den Paarhufern gegeben haben, welche im Flachwasser Meerestiere jagten. Möglicherweise könnten diese in einer Gruppe Einkreisungsstrategien entwickelt haben, welche sie bei ihrer Evolution als Meerestiere beibehalten konnten. Als Landtiere sind sie ausgestorben. Nun gibt es aber noch die Bartenwale, von denen die meisten sich wie Herdentiere zu kleineren Formationen zusammenschließen, und sich lautstark über große Entfernungen verständigen können. Andere, wie der Blauwal, Zwergwal und der Seiwal sind zu Einzelgängern geworden. Buckelwale kooperieren in kleinen Gruppen, indem sie mit Blasenvorhängen Fische zusammentreiben, haben somit das Erbe der Zahnwale erhalten.

Es ist also nicht abwegig, den Ursprung der Paarhufer als viertemperamentig anzusehen.

 

Nun zu unseren nächsten Verwandten: In der Broschüre Vom Affen zum Menschen aus Spektrum Compakt finde ich folgendes Statement:

 

Markenzeichen der Primaten: Generalisten

 

Die meisten Säugetierarten zeichnen sich durch Spezialisierungen aus. Nicht so die Primaten. Das Auffälligste an ihnen ist, dass ihnen sogenannte abgeleitete Merkmale, also spezielle Anpassungen, weitgehend fehlen. Die Primaten sind also in vieler Hinsicht ursprünglich geblieben. Ursprüngliche Säugetiere besitzen an jeder Extremität fünf Zehen. Primaten haben dieses Erbe bewahrt.

 

Die Paviane haben ein ähnliches Sozialisierungsmodell wie die Löwen mit weiblicher Kerngruppe. Sie suchen ähnlich den frühen Menschen ihr Futter in der Savanne, wo sie sich vor Beutegreifern in Acht nehmen müssen, da sie in offener Landschaft im Nachteil sind. Die Futtersuche in Gruppen ist ihr Schutz. Sie fressen Früchte, Blätter, Echsen und Insekten, und jagen Grüne Meerkatzen, aber kein größeres Wild. Eine Untergruppe verwandter Männchen übt die Herrschaft aus, und vertreibt den männlichen Nachwuchs, sobald er geschlechtsreif wird. Paviane paaren sich polygam, müssen dabei aber die Hierarchie beachten, und dürfen die dominanten Männchen nicht provozieren.

 

Bei den Gorillas vermag der monströse Geschlechtsdimorphismus das Urteil trüben. Die Kerngruppe besteht aus den Weibchen und ihrem Nachwuchs, zu dem auch die halbwüchsigen Männchen gehören, so lange sie noch keinen Silberrücken zeigen. Diese können ihre Geschlechtsreife begrenzt hinausschieben. Herangewachsen unterstützen sie den Silberrücken bei der Verteidigung des Clans. Wenn sie die Gruppe mit etwa 10 Jahren verlassen müssen, werden sie zu Einzelgängern, oder schließen sich zu Jungge-sellengruppen zusammen. Die Gorillas ernähren sich von ausgesuchtem Blattwerk, Rinden, Knollen, Früchten, Samen, Kleintieren, Insekten und Pilzen, sind also Universalisten. Sie pflegen ein intensives Sozialleben unter der Obhut des Silberrückens.

 

Bei den Schimpansen stehen die Temperamente im Dienst der Feinschmeckerei. In den Wipfeln sind sie kaum bedroht. Sie fressen vor allem Früchte und Kleintiere. Da Delikatessen rar sind, und zu unterschiedlichen Zeiten Früchte woanders reifen, muss ihr Revier eine beträchtliche Größe haben. Spähtrupps und Kundschafter durchstreifen ständig das Gelände, und halten Ausschau nach Konkurrenten und ergiebigen Futterstellen, welche sie ihrem Verband lautstark mitteilen. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen kleiner Gruppen von drei oder vier Individuen. Die folgend abgebildete Chronologie von zwei Tagen aus Partnerwahl im Tierreich zeigt das deutlich.

 

 

Es ist auch zu sehen, dass die Kerngruppe im Revier aus Männchen besteht. Sie sind meist Brüder oder nahe Verwandte. Die hochrangigen Männchen haben Anspruch auf die besten Futter- und Schlafplätze, und dürfen sich als erste mit einem Weibchen paaren, das in den Östrus kommt. Das hat aber keine große Bedeutung für ihren genetischen Erfolg, da sich die Weibchen mit möglichst vielen Männchen paaren, um den maximalen Schutz für den Nachwuchs herauszuholen, und ihm einen hohen Rang zu sichern, der mit dem Rang der Mutter steigt. Auch Schmeicheleien und Speichelleckereien sind erfolgreich. Die Vaterschaft bleibt somit ungeklärt, alle Männchen können sich als Väter betrachten. Kämpfe um Paarungen wurden nicht beobachtet. Eifersucht wäre Energieverschwendung. Es herrscht vielmehr hemmungslose Promiskuität. Der weibliche Nachwuchs wird bei Eintritt in die Geschlechtsreife vertrieben, um Inzest zu vermeiden. Dafür sind fremde Weibchen willkommen, sollten aber besser ihren Nachwuchs nicht mitbringen, da er mit großer Wahrscheinlichkeit umgebracht wird, wenn er noch klein ist. Schließlich dauert ein Fortpflanzungszyklus fünf Jahre, und in dieser Zeit kann es keinen Nachwuchs von Clanmitgliedern geben. Es wurde auch schon beobachtet, dass bei Mangel an Weibchen die Männchen einen schwächeren Clan überfallen, die Männchen töten, und die Weibchen als Beute nehmen. (Der Raub der Sabinerinnen durch die Römer sind ein analoges Beispiel.)

In dem obigen Diagramm lässt sich ein Weibchen mit Jungtier für ein paar Stunden blicken, und verschwindet wieder am gleichen Tag. Somit ist eine Paarungskontrolle praktisch unmöglich. Das Sozialleben beruht auf dem Prinzip des reziproken Altruismus (wie du mir, so ich dir). Die momentane Uneigennützigkeit ist nur eine scheinbare. In Wirklichkeit entscheidet eine genaue „Buchführung“ über Gefälligkeiten. Niemand will auf Schnorrer und Betrüger hereinfallen. Dazu ist die hohe Intelligenz, Erinnerungsvermögen, und genaue Kenntnis der Mitglieder vonnöten, was eine größere Gehirnmasse erfordert.

 

Die herrschende Männerkaste entscheidet auch über Krieg und Frieden.

Einem Kamerateam war es gelungen, einen Clan filmen zu dürfen. Ich sah im Fernsehen, wie sich Erregung unter den Männchen entwickelte. Besonders rumorte der Frust über zuviel Friedfertigkeit bei dem Anführer, er drängte zur Tat, und gab das Zeichen zum Aufbruch: Es sollte einen Überfall auf den Nachbarclan geben. Die Kameraleute konnten so schnell nicht nachkommen, ein Schwenk zurück zeigte ein Weibchen mit Nachwuchs, das allein im Lager die Stellung hielt. Bei dem Lager der Nachbarn war eine Kamera fest installiert, sodass man den Überfall, etwas verdeckt, leidlich verfolgen konnte. Die dortigen Schimpansen widmeten sich gerade friedfertig der gegenseitigen Körperflege, als sie aufgescheucht wurden. Es gab eine wüste Klopperei, die noch gefährlicher aussah, als sie im Resultat war: Tote und ernstlich Verwundete gab es nicht. Nach einigen Minuten kehrte das Überfallkommando zufrieden ohne Beute zurück: Man hatte es den Nachbarn gezeigt.

Die Kameraleute waren irritiert, dass die Aktion keinen anderen Zweck verfolgte, als eine geile Prügelei. Ich sehe sie als Training zur Erhöhung der Wehrkraft (Einsatzübung).

Aber auf die Jagd gehen die Schimpansen nicht. Dafür fehlt ihnen die Schnelligkeit und eine Strategie am Boden.

 

 

Um die Nachteile der viertemperamentigen Säugetiere aufzuzeigen, weshalb sie gegenüber den zweitemperamentigen ins Hintertreffen gekommen sind, muss ich auf die Situation bei den Löwen zurückkommen. Das folgende Diagramm zeigt die Entwicklung eines Löwenrudels innerhalb von 7 Jahren. (wiederum aus Partnerwahl im Tierreich)

 

 

Es zeigt sich schon auf auf den ersten Blick, dass die Säuglingssterblichkeit extrem hoch ist. Bei Rudelübernahme bringen die Männchen alle Jungtiere um, die noch nicht ein Jahr alt sind. Auch die Nachkommen innerhalb der gleichen Zeit werden totgebissen, da sie noch von den vertriebenen Männchen abstammen. Spontane Aborte kommen auch vor. Auch die generelle Sterblichkeit der Jungtiere ist hoch aus Gründen, die nicht angegeben wurden. So hat die zweite Männchengruppe keinen überlebenden Nachwuchs hervorgebracht. Die Not in den fast drei Jahren muss so groß gewesen sein, dass drei subadulte Männchen vertrieben wurden, und zwei erwachsene Weibchen das Rudel verlassen mussten. Sie stammen noch von der ersten Männchengruppe ab, von denen eines die Übernahme nicht überlebte, das andere flüchten musste. Synchronisierte Geburten unter der 1. Männchengruppe im letzten dokumentierten Jahr gab es von vier Weibchen; unter der zweiten Männchengruppe gab es die in drei Jahren nur von zwei Weibchen. Unter der dritten Männchengruppe gab es im 2. und 3. Jahr jeweils 2 Synchronisationen von 2 Weibchen (die synchronen Geburten bei Rudelübernahme habe ich nicht mitgezählt). Über die hohe Sterblichkeit der Jungtiere kann ich neben dem Mangel an Beute nur diese Vermutung anstellen: Im Gegensatz zu den Herdentieren, welche schon nach wenigen Stunden der Herde folgen können, bedarf der wenig entwickelte Löwennachwuchs intensiver Pflege, Erziehung und Bewachung in einer „Kinderkrippe“, was von allen Mitgliedern der Gruppe, auch von Löwenmännchen, abwechselnd übernommen wird. Die Jungtiere sind anfälliger für Krankheiten, und leiden mehr unter Nahrungsmangel, welcher unvorhersehbar ist. Da die Sterblichkeit so hoch ist, dass nur etwa 20% der Gezeugten das Alter von einem Jahr erreichen, und 3000 Kopulationen nötig sind, um einen zeugungsfähigen Erwachsenen zu hinterlassen, gibt es kaum Rivalität bei der Begattung zwischen den Männchen, die sowieso meist Geschwister sind. Alle Weibchen sind als Stammhalterinnen des Rudels fast immer miteinander verwandt (Adoptionen sind möglich). Das zu erwartende Schicksal der ausgestoßenen Männchen wie Weibchen ist auch nicht rosig: Sie müssen sich entweder mit einem minderwertigen Revier zufrieden geben, wobei viele verhungern, oder versuchen, bei einem etablierten Rudel Aufnahme zu finden. Bei der Rollenverteilung innerhalb des Klans grassiert das Lustprinzip. Bei kleinerer Beute, macht sich diejenige Löwin zur Jagd auf, die am meisten Lust dazu verspürt. Die anderen schauen erst einmal zu (sie schafft das schon !). Wenn sie aber überraschend in Not gerät, eilen andere ihr zu Hilfe, gegebenenfalls auch der Pascha. Einerseits gehen sie sparsam mit dem Einsatz ihrer Kräfte um, aber umso mehr verschwenden sie Energien an den Nachwuchs. Man kann also nicht sagen, dass dieses recht anarchische Sozialisierungsmodell mit der höchsten Säuglingsmortalität besonders attraktiv ist. Kein Wunder, dass die Evolution bei den Feliden den Weg zu dem einfacheren und überschaubareren zweitemperamentigen Modell übergegangen ist.

 

Fazit: Wenn man davon ausgeht, dass die Menschen und unsere nächsten Verwandten viertemperamentig sind, und sie das gesellschaftliche Erbe der die große Katastastrophe überlebenden Arten erhalten haben, wird man diese auch als 4 T.- Gesellschaften nennen dürfen. Die Mehrzahl der Arten, welche in weniger anspruchsvollen und aufwändigen Gesell-schaftsmodellen leben, haben dies als Spezialisten erreicht, indem sie ganz oder auf Teile dieser Überlebensstrategie verzichteten, was die Zeit ihrer Aufzucht merklich verkürzt. Bei krassen Veränderungen ihrer Lebensgrundlage wird ihnen als ersten das Überleben versagt.