Das Imponiergehabe

 

Der Virtuos, Bertelsmann                                                                                                                                                                                                                          

Wilhelm Busch zeigt hier exemplarisch die Polarität von Schau- und Zeigelust (jenseits der Borderlinegrenze), anders ausgedrückt von negativem und positivem Geltungsdrang. Die Zeichnungen zeigen auch den überoptimalen Zustand wechselseitiger Befriedigung ihrer Bedürfnisse.

In die Bewertung des Geltungsdrangs geht das gesamte Spektrum von kommunikativen Verhaltensweisen, negativen wie positiven ein. Natürlich spielt auch die Polarität von Verehrung und Hass eine Rolle, die sich vor allem im Gesichtsausdruck (Augen- und Kinnpartie) widerspiegelt. Verräterischer, da aus unbewusster sexueller Tiefe gesteuert, gibt der Geltungsdrang Hinweise auf das Temperament. Ich wiederhole hier nochmals meine These: Der positive Geltungsdrang (Exhibitionismus, Zeigelust) will auffallen, Aufmerksamkeit erregen. Der negative Geltungsdrang (Voyeurismus, Schaulust) will beobachten, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Am besten lässt sich dieser Unterschied zunächst im Fernsehen bei Talkshows und Interviews beobachten, wo die Darbietung nicht einstudiert ist. Die Unterschiede zeigen sich hier vor allem in der Bewegung und Beweglichkeit des Körpers, zuvorderst der Arme und Hände, und der Mimik. Bewegung zieht die Aufmerksamkeit auf sich, Unbeweglichkeit vermeidet das. Die Pole sind zappelnde Hektik eines Herumfuchtlers und die Ruhe einer sprechenden Statue oder eines Sitzbuddhas. Hinweisende (indikative) Gesten bleiben außer Betracht. Das gleiche gilt auch für alle Bedeutungen vermittelnde (intentionale) Gesten, die sich gesellschaftlich in Pantomime, Gebärdensprache und Ballett äußern. Auch in der Beweglichkeit des Kopfes und der Mimik zeigen sich deutliche Unterschiede in den Extremen von Kopfschlenkern, Grimassieren und Augenrollen, gegen Starre und Pokerface. Auffällig beim Argumentieren ist die Bevorzugung der beidarmig gekoppelten symmetrischen Präsentation bei den Voyeuren gegen die Vorliebe der Exhibitionisten für einarmige raumgreifende Gesten, bei der die Beidarmigkeit (seltener symmetrisch) zur Steigerung der Nachdrücklichkeit eingesetzt wird. Ein „Highlight“ ist hier das Fingerballett.

In dem gesellschaftlich vermittelten friedlichen Diskurs sind Extreme normalerweise reduziert, (so lange niemand ausrastet), da es um die Besetzung der gesellschaftlichen Mitte geht, wo extreme Verhaltensweisen als unschicklich gelten, während im intimen Bereich, wo die Bindekraft der Sexualität groß ist, sich solche Bedürfnisse eher ungehemmt ausleben können. Daher wurde die Einführung des Privatlebens eine Notwendigkeit. In der Öffentlichkeit macht sich das Anpassungsbedürfnis geltend.

 

 

Im alten Griechenland gab es Rhetorschulen

in Athen und Korinth, in denen sich künftige

Politiker in der Kunst der Demagogie und

Verstellung ausbilden lassen konnten.

Dort wurde gelehrt , was heute auf dem

Stundenplan der Schauspielschulen zu

finden ist : Stimmbildung, Atemtechnik,

Gestik, Mimik, Agogik, nicht zu vergessen

die Kunst der Pause und die körperliche

Fitness.

 

 

 

 

 

 

 

                                                                      

 

 

Als Gegenbeispiel zu solchem  inszeniertem Exhibitionismus möchte ich den begnadeten Gestikulierer und Mimiker Luis Trenker anführen, von dem es filmische Aufzeichnungen in seinem Kabinett gibt, bei denen er sein Erzähltalent präsentierte. Er barst regelrecht vor Tatendrang, und es hielt ihn dabei nicht an einer Stelle. Seine exquisite raumgreifende Gestik, die er mit allen Feinheiten wie Fingerballett vorführte, und die manchmal plötzlichen Wechsel der Mimik wirken niemals einstudiert, sondern aus der jeweiligen Situation, improvisiert den Redefluss verdeutlichend, organisch von innen heraus kommend. Wäre es nicht so, würde man bei seiner exzessiven Selbstdarstellung von einem Herumfuchtler und Grimassenschneider sprechen. 

                                                                                                                                                                                                               .

Ein einziges Kriterium zur Beurteilung heranzuziehen wäre vermessen. Das Imponiergehabe äußert sich auch im Gang (fest bis schlurfend), im Auftreten (laut und leise), beim Stehen (symmetrisch standfest gegen gewagte, verdrehte Stellung mit Stand- und Spielbein), im Blick (fixierend gegen flüchtig). Alle akustischen Signale sind auch zu beachten: die Lautstärke, den Klang (grell bis sonor), die Deutlichkeit (nuschelnd und brummelnd bis überprononziert deutlich), dem Redefluss (stotternd oder viel ÄHMs gegen flüssig). Sie stehen dem sexuellen Bezug entfernter als die optischen Signale und sind weniger einem Temperament zuzuordnen, dennoch heranzuziehen. Am meisten gesellschaftlich bedingt ist das Gesagte und bei diesem Thema anfangs zu vernachlässigen. Nicht umsonst gibt es den provokanten Spruch, dass die Sprache dazu dient, die Gedanken zu verbergen.

Ich erinnere nochmals daran, dass all das hier Beschriebene sexuelle Derivate sind, die von allen Temperamenten mehr oder weniger besetzt werden müssen. Die Aufgabe, das jeweilige Temperament festzustellen, ist also alles andere als einfach. Einiges davon habe ich schon bei den Viererbanden angesprochen.

Das Imponiergehabe vollzieht sich größtenteils auf der Zeitachse, die hier mit Wort und Bild nicht darstellbar ist. Ich muss mich daher auf das „eingefrorene“ Gehabe in der Form der Darstellung von Posen beschränken. Den positiven wie negativen Geltungsdrang besetzen jeweils zwei Temperamente, wie aus dem Traktat ersichtlich. Das hilft bei der Bestimmung des Temperaments.

Gesellschaftlich leben wir in einer Phase des Schönen Scheins. Ein Vergleich der Posen ehemals und heute belegt das.