Nachwort zu meiner Person im Hinblick auf das Traktat

 

Da die vorgestellte Thematik die Burka der allerheiligsten Sexualtabus lüftet, und jeder in seinem Paarungsverhalten betroffen ist, könnte aus dem verschnarchten Thema der vier Temperamente ein heißes Eisen werden. Das musste ich bedenken. Wie ich schon an anderer Stelle geschrieben habe, gab es kein Vorgehen zum Zweck des Erkenntnisgewinns. Obwohl ich gerne und viel wissenschaftliche Werke lese, bin ich für wissenschaftliche Tätigkeit, wozu ich Fragebögen und Strichlisten assoziiere, gänzlich ungeeignet. In Dokumentation gebe ich mir die Note mangelhaft. Ein Tagebuch habe ich nie geführt. Ich bin darüber hinaus der Ansicht, dass nur solche Begegnungen und Erfahrungen für mich von Bedeutung sind, an die ich mich nach 30 Jahren noch erinnere.

Des weiteren habe ich zu dieser Thematik alle Bekundungen verworfen, die ich erfragt habe. Werke von Psychologen, wo die Erkenntnisse auf den Kothurnen der Schachtelsätze heranstolziert kommen, habe ich bald beiseite gelegt. Psychiater halte ich für die Nachfahren der Inquisition. Wer viel fragt, erhält nur selten die Befindlichkeiten der Befragten als Antwort, vielmehr bestenfalls das, was der Fragende für wichtig hält. Therapeuten, die staatlich sanktioniert das Machtmittel der Krankschreibung, Einweisung in Besserungsanstalten sowie der Verschreibung von Drogen verfügen, dürfen sich nicht wundern, wenn sie angelogen werden. Nicht anders wird es Organen der Strafverfolgung gehen, was ihnen hinreichend bekannt ist. Alle Autoritäten müssen sich fragend überordnen. Wenn ich das getan hätte, gäbe es diese Abhandlung nicht.

Ein Vorgehen setzt eine Zielsetzung voraus, die es nicht gab. Das Thema Sexualität ist dermaßen von Verdrängung und Verheimli- chung bestimmt, dass man am ehesten „Geständnisse“ erhält, wenn man heikles über sich selbst äußert, Suchender  ist, und nichts erwartet. Manchmal ergibt es sich dann, dass der oder die Vertraute sich bemüßigt fühlt, etwas preiszugeben, was ihm / ihr auf der Seele brennt in der Hoffnung auf Erhellendes.

Ein Basiswissen zur Sexualität war allerdings erforderlich. Weil ich schon immer der Ansicht war, dass am wichtigsten die Dinge sind, über die man nicht spricht, geriet ich schon bald in der Landesbibliothek an die für gewöhnliche Sterbliche damals gesperrte Abtei- lung, welche „sexuelle Perversionen“ abhandelte, zu der nur Psychiatern und Autoritäten des Strafvollzugs Einblick gewährt wurde.

Entscheidend waren selbstverständlich eigene Beobachtungen. Schon im Stadttheater Saarbrücken, wo ich in meiner Freizeit übte, stand ich viel in der Seitenbühne in der Nähe des Inspizienten und interessierte mich mehr, was hinter der Bühne als auf ihr geschah. Am  meisten  verblüffte mich da, wie  der  Gesichtsausdruck eines  Sängers  sich  schlagartig beim Abgang  veränderte. Weitere Ein-

drücke waren vor allem im Sinfonieorchester in der hinteren Reihe gegeben, noch mehr auf Tourneen, bei denen auch die Ehefrauen mitreisen durften. Auch die Erfahrungen in zwei Wohngemeinschaften, in denen das Musikstudio zeitweilig untergebracht war, wo ich aber nur am Rande am gesellschaftlichen Leben teilnahm, brachten mich weiter. Heranwachsende aus der Nachbarschaft im Stuttgarter Westen, mit denen ich ins Gespräch kam, machten aus ihrem Herzen keine Mördergrube, und klärten mich über ihre familiären Verhältnisse auf. Irgendwann, als sich genug angesammelt hatte, „fiel der Groschen“, und zwar heftig. Erst dann war ich von dem Thema Paarungsverhalten derart fasziniert, dass ich in eine Phase der "Feldforschung" geriet, und in der Innenstadt auf dem Weg zur Arbeit, im Park oder beim Einkauf  versuchte, offensichtliche Paare, sowohl von vorne wie von hinten, nach ihrer sexuellen Polarität einzuschätzen, wobei mir anfangs Fehler unterliefen, die ich auf den zweiten Blick oder bei Wiederbegegnung korrigieren musste. Da ich aber kein unauffälliger Beobachter bin, und den Vorwurf, ein Spanner zu sein, scheute, einen Blickkontakt vermied, verlegte ich meine Beobachtungen auf die Medien, wo ich "schwierige Fälle" ausgiebig betrachten konnte. Besonders fehleranfällig waren und sind noch heute Einschätzungen, wenn mir nur Gesichter zur Ansicht  geboten werden. Der Gesichts-ausdruck stellt eine Mischung der eingefrorenen Tagesmaske und dem Ausdruck der Nachtgedanken dar, wo man "bei sich" ist. Da benötige ich Zeit, um mich in sie "versenken" zu können. Es geht um die Gedankenwelt, in der eine Bewusstseinsmaschine meist im Leerlauf rattert, mit Drogen aller Art kaum zu besänftigen und zu ertragen. In der Phase der Unsicherheit glich ich meine Einschätzungen mit denen eines Freundes ab, der sich auch dafür, aber nicht nachhaltig interessierte.

Eine Veröffentlichung meiner Erfahrungen lehnte ich viele Jahre ab. Ich habe mir damals nur vorstellen können, dass die Tempera- mententheorie, der ich auf der Spur war, Anlass für eine neue Niedertracht unter den Menschen geben würde, vor allem im Hinblick auf den Masochismus, der aus meiner Sicht eine komplementäre Notwendigkeit ist.

Mittlerweile sehe ich aber auch positive Aspekte: Partnerschaftsvermittlungen könnten davon profitieren, mit denen ich aber nicht ins Geschäft kommen möchte; Ermittlungsbeamte könnten Scheinehen auf die Spur kommen, die nur dazu dienen, ungerechtfertigte Vorteile zu erlangen. Viel wichtiger wäre mir die Lebenshilfe für Menschen in einer existentiellen Krise, die aus dem gesellschaftlichen Leben herauskatapultiert wurden und suizidgefährdet sind, und denen die extreme Vielfalt menschlicher Verhaltensweisen rätselhaft ist. Auch Psychiatern könnte diese Theorie bei der Diagnosestellung helfen. Ich weise hier nochmals darauf hin, dass die Einschät-zung  des Temperaments eine Art Summenbescheid ist. Die Beschränkung auf ein einziges Kriterium führte mich öfter zu Fehl-schlüssen, die ich später korrigieren musste.

Nicht empfehlenswert sehe ich meine Theorie für Menschen, die voll in Beziehungsgeflechten des Erwerbs- und Privatlebens ver-strickt sind, wobei vieles verdrängt werden muss. Solange noch jemand auf der Bühne seine Rolle spielen muss, sollte er (sie) besser nicht hinter den Kulissen herumschnüffeln. Für Epikuräer, Aussteiger, Autisten und unkonventionell denkende Personen sehe ich nicht die Gefahr, aus der Spur zu geraten, und wenn schon, kann das auch vielfach heilsam sein. Wem das alles bloß peinlich ist, muss ja nicht weiterlesen.

Die Bedeutung des Fetischismus und Antifetischismus als Wünschelruten bei der Paarungssuche, sowie als gesellschaftlichen Kitt und Grund zur Entzweihung habe ich in dieser Abhandlung vernachlässigt, weil dieses Thema zur Uferlosigkeit führt und zu der Temperamententhematik nichts Wesentliches beiträgt.

Weiteren Veröffentlichungen bin ich nicht grundsätzlich abgeneigt, bin aber bei meinen hohen Alter und als ehemaliger Orchestermusiker ohne Doktortitel ein unbeschriebenes Blatt, was zur Abwertung und Absagen führt. Deshalb werde ich nirgendwo antichambrieren. Ruhm und finanziellen Erfolg benötige ich nicht, und sind mir eher suspekt. Sie könnten mir meinen Lebensabend vergällen.

(Einen Vorgeschmack davon musste ich erleben, als ich Werbung für diese Abhandlung bei Google einsetzen wollte, und bei den Harpyen von 11880 landete. Zu lesen unter Aktuelles. 2020)

 

Hinweis: "Aktuelles" Bildmaterial habe ich sicherheitshalber Wikipedia entnommen, historisches meist GEO Heften. Bei den Paaren, Posen und Viererbanden stammt einiges aus dem Internet. Gelegentlich, wenn mir erhellendes  Bildmaterial ins Haus geflattert kommt, stelle ich dieses nachträglich ein, oder tausche es gegen vorhandenes aus.

 

                                                                                                                                     Jürgen Karg, Mai 2017