Die Temperamente in der Propaganda

 

Das Menschenbild in der Propaganda autoritärer Systeme ist immer reduziert. Die Vorbilder sollen ein bestimmtes Verhalten fördern und die Gleichschaltung unterstützen. Zunächst zu Nazi-Deutschland.

 

Das verdeutlichende Bildmaterial kann ich hier wegen dem Postulat der Gemeinfreiheit nicht zeigen. Es ist aber im Internet verfügbar.

Die vorbildlichen „arischen“ Familien sind eintemperamentig, was in Wirklichkeit niemals vorkommt. Alle gezeigten Mitglieder sind vom Typ „feindliche Stärke“, was als „gesund“ gilt, zum Teil in idyllischem Weichzeichner harmonisiert. Für das Jungvolk gilt das gleiche. Was hier herangezüchtet werden soll, macht eine Galerie der behelmten Staatsdiener klar: todesmutige Krieger. Die züchtet man gängigerweise mit Prügeln. Wenngleich A.H. kaum zum arischen Vorbild taugen kann, so hat er doch das gleiche Temperament wie die Propagandafiguren.

 

Das ist in China zur Zeit Maos anders.

Das Bildmaterial, auf das ich mich hier beziehe, ist dem Heft 51 von GEO Epoche entnommen. Dort findet man viele eintemperamen-tige Propagandafiguren: (wenngleich nicht ausschließlich): das Titelblatt, S. 102, 103, 105, 106, 109.

Im China des Maoismus stehen die Propagandisten vor einem Problem. Das Temperament von Mao (freundliche Schwäche) kann offenbar nicht vorbildlich sein für die Staatsraison. Sein Portrait als gutmütiger Onkel, der nur die Volksbeglückung im Sinn hat, ist eine Gefahr für die Wehrkraft. Man stelle sich vor, die drei Anhänger, die das Volk repräsentieren sollen, hätten die Züge und die Ausstrahlung der Nazi-Vorbilder: Es wäre der totale Kontrast. Das kann es also nicht sein. Man schuf deshalb als Kompromiss einen neuen Menschentyp in idealer Gleichschaltung: den Mischtyp des eintemperamentigen Menschen: Ich sehe mich nicht in der Lage, die Propagandafiguren einem Temperament zuzuordnen. Man kann auch lächelnd mit gutem Gewissen Leichenberge produzieren; so wird an Stelle der markigen Gesichter das Motiv der Gleichschaltung hier in den Vordergrund gestellt und mit der Mao-Bibel kultig überhöht. Auch bei den Frauen soll es nicht anders zugehen. Sie sind mit großer Freude werktätig und besingen den Mao-Kult. Immerhin sind sie wertgeschätzt.

Nach dem Tod Maos (1959) gab es bis zum Amtsantritt von Qi Jinping (ab 2013) 10 weitere Staatsoberhäupter in allen Temperamen-ten. Da erschien das gleichmacherische Bild der Propaganda nicht mehr zeitgemäß. Jetzt traten auch markige Gesichter auf, je nach der propagandistischen Absicht.

 

Die Propaganda in anderen Diktaturen zu untersuchen würde hier zu weit führen, ist aber ein lohnendes Untersuchungsobjekt. Als Anregung sollten beide vorstehenden genügen.

 

 Die Propaganda im Konsumismus

 

Aus dem Jahr 1937 gibt es ein großartiges Foto, welches den Zynismus der Konsumpropaganda zeigt, (zu finden in GEO Epoche Nr. 69 Seite 96/97): Auf einem riesigen Plakat mit Überschrift: WORLD´S HIGHEST STANDARD OF LIVING sieht man eine eintemperamentige weiße Familie in einem PKW freudestrahlend auf großer Fahrt, daneben der Spruch: There´s no way like the American Way. Davor sieht man eine Schlange arbeitsloser meist farbiger Menschen, die zur Armenspeisung anstehen.

Den höchsten Lebensstandard auf der Erde gibt es nur für die in freundliche Stärke gleichgeschalteten Insassen des Gefährts, das die große Freiheit in einem Blechkäfig verheißt, sofern sie sich rückhaltlos zum Konsumismus bekehrt haben. Der zeigt sich hier ähnlich autoritär in seinem eingeschränkten Menschenbild wie Diktaturen. Die Lebensfreude wird zur zwanghaften Norm erhoben: sie muss gekauft werden.

 

Im späten Konsumismus hat man die sanfte Verführung eingeführt. Ende der siebziger Jahre fiel mir auf, dass sowohl bei den Modeschauen, wie auch in den Katalogen der Versandhäuser die masochistischen Temperamente auf hunderten Seiten nicht aufzufinden waren. Nur die beiden „Stärke“-Temperamente (immerhin 2) waren und sind noch zu sehen: Man kauft sich die Stärke.

 

Die Temperamente in der Politik

 

Schon bei den PAAREN habe ich bei der Auswahl darauf hingewiesen, dass das Verhalten der Paare im gesellschaftlichen Bereich uneindeutig ist, und alle Temperamente sowohl freundlich wie feindlich agieren. So ist es auf jeden Fall im Einzelnen. Man wird das Handeln von Mao mit den 50 Millionen Opfern wohl kaum als freundlich bezeichnen können, auch wenn er das sicher „gut gemeint“ für die Zukunft gesehen hat.

Staatsführer müssen sich im Innenverhältnis bewähren und behaupten. Eine Domäne des Temperaments Freundliche Schwäche ist das Schlichtungswesen. Das beherrschen natürlich auch andere Temperamente, aber nur selten so vortrefflich.

Wenn ich die 8 Bundeskanzler nach ihrem Temperament aufschlüssele, komme ich zu dem Ergebnis: 1 x (+ +), 2 x (+ --), 1 x (-- +),

4 x (-- --).

Das Temperament Freundliche Schwäche ist hier deutlich überrepräsentiert. Das ist natürlich auch Ausdruck des Zeitgeists, Konflikte mit dem Mittel des diplomatischen Ausgleichs zu lösen. In den USA nach 1945 ist das Verhältnis ähnlich, zumindest bis 2015.

In der DDR, wo die Sowjetunion der letztendliche Machthaber war, ging es darum, den maximal möglichen Ausgleich mit den Bedürfnissen der Bevölkerung zu finden. Hier war die Dominanz dieses Temperament bis fast zum Schluss erdrückend.

Im Einzelnen lassen sich bei den Politikern von dem Temperament auf das Verhalten und die Maßnahmen keine Rückschlüsse ziehen, in der Summe aber ergeben sich Unterschiede im gesellschaftlichen Klima.

Dieses Phänomen global aufzuschlüsseln wäre sicher von Interesse, zumal es sich mit der globalen Befindlichkeit ändern sollte, was es zum Zeitpunkt der Niederschrift (11/2018) gerade tut.

 

Noch extremer geht es bei der militärischen Parade der lebenden Schaufensterpuppen bei den Haute Couture-Modeschauen zu: Sie blicken streng blasiert über die Kunden hinweg, die sie begaffen. Sie hassen es, angeglotzt zu werden, da sie Voyeure sind. (Aber was tut man nicht alles für Geld?) So erwecken sie hochnäsig den erwünschten Eindruck der Stärke.

 

Im späten Konsumismus haben sich in Fernsehen und Internetwerbung die neuen Zwänge der Spots durchgesetzt. Jeder Spot wird zu einer kleinen Story. Hier geht es darum, die Betrachter durch Reizüberflutung bei der Stange zu halten, damit sie nicht weg-zappen. Ihre Aufmerksamkeit muss gefesselt werden. Produktbeschreibung wird auf das unbedingt Notwendige beschränkt; jeder noch so abstruser Gag ist willkommen, Seriosität langweilt nur. Die Bilderhektik (jede Sekunde kostet Geld) soll den Verstand ausschalten. Der Exhibitionismus hat Einzug gehalten, da müssen wieder alle Temperamente ran.