Die Säulen der Herrschaft

Vorstudien aus den achtziger Jahren zum Temperamententraktat

 

Die universellen Grundkräfte, welche unser Verhältnis zur Umwelt bestimmen

          

a) polare Kräfte (zu Menschen und anderen Lebewesen)

                         Sadismus --  Masochismus (Herrschsucht)

                         Exhibitionismus -- Voyeurismus (Geltungsdrang)

b) rückbezügliche Kräfte (Verhältnis zu Dingen und Ideen)

                         Fetischismus / Antifetischismus

 

Anmerkung: In der sexuellen Praxis treten diese Kräfte niemals allein, sondern stets in Kombination auf. So gibt es typische Fetische der Herrschsucht und des Geltungsdrangs. Ich gehe davon aus, dass so gut wie alle Gegenstände in einem Waren-haus, wie auch Ideologien und Religionen fetischistisch besetzt werden, d.h. zum Orgasmus führen können, und das auch gelegentlich tun. Generell werden die genetischen in Kombination mit den sozial prägenden Verhaltensweisen mit dem Orgasmus verknüpft, besser gesagt festgenietet. Zu starke Abweichungen von diesem Rollenverhalten wird mit Impotenz bestraft.

 

Weshalb werden die polaren Kräfte im gesellschaftlichen Bewusstsein nicht als alle Individuen betreffend angesehen?

Psychologen und Therapeuten beschäftigen sich mit den grenzwertigen Fällen, welche zu ihnen finden oder an sie überwiesen werden, da sie mit strafbewehrten Neigungen kämpfen oder straffällig geworden sind.

 

Anziehende und abstoßende psychische Grundkräfte

 

            Meidende Kräfte                                                    Suchende Kräfte

                 Abscheu                                                                    Liebe

 Angst (--)                  Ekel (+)                                   Verehrung (--)         Hass (+)

 

      (--) Minderwertigkeitsgefühl)   (+) Höherwertigkeitsgefühl

 

 

Der Sadomasochismus als zentrales sexuelles System der Hierarchiebildung und Sklavenhaltung

 

Merkmale und Verhaltensweisen :

 

                                       Primär (genetisch bedingt)

 

       Sadismus :                                                                      Masochismus :

       Hasszwänge                                                                   Verehrungszwänge

       Selbsterhöhung                                                              Selbsterniedrigung

 

      Sekundär (prekäre esoterische Zuschreibungen, nicht ontisch!)                           

 

       Beißwünsche                                                                  Saugwünsche

       Angriff                                                                             Verteidigung

       Härte                                                                               Weichheit

       Herrschaft                                                                       Unterwerfung

       Leid zufügen                                                                   Leidensfähigkeit

       Vernichtungswille                                                            Selbstmord / Amok

 

Alle diese Gefühle und Befindlichkeiten haben die Tendenz in ihr Gegenteil umzuschlagen, und das tun sie auch, da sie universell alle Menschen betreffen. Jeder ist mal das eine und oszilliert in sein Gegenteil, ist auch durch die Situation dazu gezwungen. Insofern müssen alle Versuche, die vorstehend aufgeführten Sekundärphänomene dem Sadismus bzw. Masochismus per Definition zuzuschreiben scheitern, da alle diese Begriffe gesellschaftlich definiert werden und damit nur esoterische Qualität besitzen. Am ehesten könnte man sie als erste Wahl bezeichnen, d.h. sie treffen immer nur mehr oder weniger zu, wobei Orgasmus und Impotenz die Regulative darstellen. Das gleiche gilt für die Zuordnung gesellschaftlicher Grundwerte zu den vier Temperamenten, welche in der esoterischen Literatur zu finden sind, und die ich in der nachstehenden Skizze aus den neunziger Jahren eingefügt habe.

 

 

 

 

Formen der Sklavenhaltung

 

Die Sklavenhaltung operiert mit den Mitteln der Belohnung und Bestrafung. Die Kennzeichen der Bestrafung (physischer und psy- chischer Terror und Folter) sind Sexualunterdrückung, Bilderverbote, Frauenhandel und Dämonisierung der Frau, Befehl und Gehorsam, weitgehende Tabuisierung des exhibitionistisch/voyeuristischen Komplexes der Sexualität. Diese Form der Sklaven-haltung ist nur für einfache, stumpfsinnige Tätigkeiten (Maloche) sinnvoll und lukrativ (Galeere, Minenarbeit, kriegerisches Gemetzel).

Für höherwertige Tätigkeiten, die der Intelligenz, eines Wissensvorrats und der Findungskraft bedürfen (Problemlösung und Innovation), kommt nur die psychische Sklavenhaltung mit dem Mittel der Belohnung und Verführung in Betracht. Sie fußt auf dem voyeuristisch/exhibitionistischem Komplex (vorzeigen, beobachten, beurteilen, nachmachen). Sie produziert eine Bilderflut und alle Sinne umfassende Werbung: Musik und Tanz, Düfte und Körperschmuck, Bemalung, Tätowierung, exquisite Kleidung sollen mit und durch Reizüberflutung süchtig machen. Sie fördert die Wertschätzung der Frau und erlaubt weitgehende sexuelle Freizügigkeiten. Sie geht eine innige Verbindung mit dem Fetischismus ein, viel mehr als das der Sadomasochismus tut, der sich im wesentlichen auf Waffen, Uniformen und Bestrafungsrequisiten beschränkt. Sie gründet sich auf den auch im Tierreich verbreiteten Werberitualen: Herausstellung der Vorzüge, Verheimlichung der Nachteile, Geschenke.

 

Zum Fetischismus: Dieser Begriff wurde und wird noch restriktiv angewendet auf das "Anstößige". Der Fetischismus ist in meinen Augen die Triebkraft der Produktion von Waren, Ideen und Illusionen, welche uns erfreuen und potent machen sollen. Es gibt anziehende wie abstoßende Fetische. Ich gehe davon aus, dass so gut wie alle Körperteile, Waren im Handel, Kommu-nikationsmittel sowie Ideologien und Religionen (geistige Fetische) fetischistisch von Individuen besetzt werden. Sie führen entweder direkt zum Orgasmus oder begünstigen die Herbeiführung. Eine Eigenschaft der Fetische ist, dass sie mit der Zeit in ihrer Wirkung nachlassen. In fetischistisch geprägten Gesellschaften führt das zu ihrer Inflation, bis sie Überdruss hervorruft („Hau weg den Scheiß“). Die Fetische, welche in frühester unbewusster Erfahrung ihren Ursprung haben, wirken als "Wünschelruten" bei der Suche nach Partnern. Sie funktionieren als pars pro toto (ein Teil für das Ganze).

Eine Zwischenstellung nehmen körperliche Eingriffe ein, welche ihren Ursprung in Tier- und Sklavenhaltung haben: Tätowierungen, Beringungen, Brandmarkungen, Exzisionen, Amputationen. Wenn sie selbstbestimmt erfolgen, können sie fetischistisch als Körper-schmuck oder als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer speziellen Gruppe angesehen werden. In übermäßiger Form sind sie ein Indiz für hochgradigen Masochismus. Sind sie fremdbestimmt, dienen sie der Bestrafung und sozialen Deklassierung.

In der Klasse der Säugetiere scheint mir der Fetischismus ein Alleinstellungsmerkmal der Menschen zu sein. Mir ist der Fetischismus lediglich bei Vögeln (Elstern, Laubenvögel) aufgefallen. Bei den Menschen hat er sich in monströse Dimensionen entwickelt. Er ist die Voraussetzung einer hemmungslosen Akkumulation, und ist zu einem gesellschaftlichen Machtfaktor geworden, vor allem, wenn man nicht nur die materiellen, sondern auch die geistigen Fetische berücksichtigt. Die Fetischindustrie verschlingt als ersatz-befriedigendes Gewerbe einen Großteil der Wertschöpfung. Das mag daran liegen, dass die Machtverhältnisse bei den Menschen stets prekär sind, und der eindeutigen Regelung ermangeln.

Da der Fetischismus nicht konstitutiv für die Temperamentenlehre ist, gehe ich hier nicht weiter auf Details ein. Das würde mich auch überfordern. 

 

Einschränkungen: Generell kann man sagen, daß alle sexuellen Befindlichkeiten sowohl individuell als auch gesellschaftlich nicht beliebig steigerbar sind, sondern an eine Grenze (Borderline) stoßen, wo sie entweder den Tod herbeiführen, oder in ihr Gegenteil umschlagen mit der Folge der Ohnmacht (Impotenz).

Wie kommt es, dass die begrifflichen Krücken, die ich hier mitverwende, im gesellschaftlichen Bewusstsein nicht als alle Indivi-duen betreffend angesehen werden ?

Psychologen und Therapeuten, die in diesem Bereich die staatlich approbierte Deutungshoheit haben, beschäftigen sich mit den grenzwertigen „Fällen“, die ihnen von Behörden zur Begutachtung überwiesen werden, oder welche zu ihnen finden, weil sie mit strafbewehrten „amoralischen“ Neigungen kämpfen. Die große Mehrheit bleibt dabei außer Betrachtung. Außerdem sind da starke Tabus wirksam. So kommt es, dass z.B. der Begriff „Exhibitionist“ reserviert bleibt für Personen mit übertriebenem Selbstdar-stellungs- und Entblößungsdrang, welcher nicht gesellschaftlich eingebunden ist. Der Begriff „Zeigelust“ ist zwar umfassender, ihm mangelt aber die sexuelle Konnotation. So kommt es nicht zu Bewusstsein, dass jeweils die Hälfte der Menschheit betroffen ist.

Über Liebe, Verehrung, Hass

                                                              Versuch einer Begriffsklärung

 

Liebe und Hass werden im kollektiven Bewusstsein als polare Gegensätze gesehen (wie gut -- böse, wahr -- falsch). Ist diese Begriffsregelung aber stimmig? Ich bitte die Menschen, die den Honigmond schon hinter sich haben, um die Beantwortung folgender Fragen:

a) Können Sie sich eine andauernde Liebe ohne Hass vorstellen?

b) Können Sie sich einen andauernden Hass ohne Liebe vorstellen?

 

Falls Sie die Frage a) mit nein, die Frage b) mit ja beantworten sollten, (ich nehme an, es ist die überwältigende Mehrheit), können Sie Liebe und Hass nicht mehr für Gegensätze erachten, denn Gegensätze sind logisch gleichwertig. Hier liegt aber ein Verhältnis der logischen  Unterordnung vor:  Liebe beinhaltet den Hass (Hassliebe), der  Hass aber nicht die Liebe  (Liebeshass kennt der Sprachgebrauch nicht).

Ähnlich verhält es sich mit der propagierten Unterordnung des Teufels unter Gott. Es handelt sich um eine Klitterung der Logik. Entweder verkörpert Gott das Gute wie das Böse, dann ist der Monotheismus logisch konsistent (wie es in den älteren Fassungen des Jahwe-Kultus war), oder er ist der Hüter des Guten und  bedarf damit des Teufels im Beipack als Hüter des Bösen. Endlose theologische Debatten ergeben sich aus dem  Wunsch, die  Fiktion des  Monotheismus aufrecht zu halten und gleichzeitig  Gott als den „guten“ oder auch „lieben“ zu bezeichnen. Der Teufel als Vertreter des Bösen und des Hasses soll untergeordnet bleiben, aber wie? Operiert er eigenständig, dann wäre er nicht untergeordnet, oder ist er Angestellter (Minister), der im Auftrag Gottes für die Geschäfte des Hasses zuständig ist, ohne die z.B. Kriege nicht denkbar sind?  Diese Aporie ist in der Fiktion des Mono-theismus nicht lösbar. So kann man nur weiter jahrtausendelang in einer fiktiven Begriffswelt herumeiern.

 

Was ist dann aber der komplementäre  Gegensatz des Hasses?  Hass bedeutet  Selbsterhöhung und Erniedrigung dessen, wen oder  was man hasst. Das Gegenteil – die Selbsterniedrigung und die Erhöhung eines oder etwas  Anderen – ist die Verehrung. Beide, Hass  wie Verehrung, richten sich gegen die Gleichberechtigung der Menschen, Dinge, Ideen. Es sind somit Instrumente der Selektion. Beide sind anziehende Kräfte, die ihrem Ziel zustreben wie zwei Kerle, die in der Wüste aufeinander zumarschieren, um sich abzuknallen. "Liebet eure Feinde" ist in soweit eine Selbstverständlichkeit.

Der Gegensatz zur Liebe als anziehender Kraft kann nur eine abstoßende Kraft sein: die Abscheu. Auch sie gibt es in zweifacher Gemütsverfassung: Die Selbsterhöhung manifestiert sich als Ekel, die Selbsterniedrigung als Angst. (Ekellust und Angstlust sind natürlich keine abstoßende Kräfte sondern Aufgeilereien an gesellschaftlich anerkannten, aber kaum realen Phänomenen zum zumeist unbewussten Zweck der Vorteils- und/oder Lustgewinnung.)

 

Was bewirkt nun die Polarität von Hass und Verehrung in der gesellschaftlichen Praxis?

Mir fällt auf, dass Zivilisationen, die von Verehrungszwängen besessen sind, sich als die kriegerischsten erweisen. Die komplemen- tären Kräfte können, da sie sich wechselseitig bedingen, auf längere Sicht nur gemeinsam stärker und schwächer werden. Wenn es also darum geht, todesmutige Krieger heranzuziehen, sollte ein Macchiavelli seinem kriegsbegeisterten Fürsten raten, neben der Vergiftung des Familienlebens durch Unterdrückung der Frau vor allem die Verehrungszwänge bis zum Gehtnichtmehr zu steigern, dann kommt  der Hass von allein, und die Intention des Fürsten wäre bestens getarnt.

Wollte und könnte man hingegen den Hass verschwinden  lassen, dann gäbe es auch keine Verehrung mehr, folglich auch weder Liebe noch Abscheu, und damit auch keine Menschen mehr. Wenn exzessive Grausamkeiten vermieden werden sollen, müssen beide Pole in ihrem Ausmaß begrenzt werden.