Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder...

 

                                              Die Zivilisation als Neotenieprojekt *)

 

Neotenischer  Fetisch                                                Aus dem Buch Illusionen von E. Lanners, keine weiteren Angaben

 

 

   Es gehört heute zum Allgemeinwissen, dass man junge Wölfe und Wildkatzen ohne große Probleme im Haus halten kann. Sie verhalten sich dort kaum anders als die Haushunde und Hauskatzen. Mit Eintritt der Geschlechtsreife sind sie dort nur noch im Krankheitsfall, eventuell als Muttertier mit Welpen zu ertragen. Des Weiteren hat es sich bis nach Hollywood herumgesprochen, dass die ersten Schritte der Domestikation von den Tieren selbst ausging. Als erste Gesellen der Menschen haben sich wohl einzelne Wölfe angedient, welche von ihren Rudeln verstoßen wurden und dann eine Jagdgemeinschaft zu beiderseitigem Vorteil mit den Menschen suchten. Die gemeinsame psychische Grundstruktur der vier Temperamente und das Meutenbewusstsein war dieser Verbindung förderlich, soweit die beiderseitige Scheu überwunden werden konnte. Das war zu einer Zeit, als es noch kein domus gab und die Beziehung auf distanzierterer Basis blieb, wie heute zu den Schlitten- und Hütehunden.

   Mit zunehmender Sesshaftigkeit und dem Einlass ins Haus musste die menschliche Verträglichkeitsprüfung strenger werden. Bevorzugt wurden die Nachkommen, welche die Verhaltensweisen der Welpen über die Geschlechtsreife hinaus konservieren konn-ten, vor allem die Unterwürfigkeit. Sie mussten dazu eigene Kulturleistungen wie das Geheul ablegen und bei dem Gebellfere und Gefiepe der Wolfswelpen bleiben. (Übrigens: Die Huskies heulen und bellen. Auch manche Hunde heulen noch nachts bei Mond-schein, soweit kein Mensch in der Nähe ist.)

   Die Domestikation der Katzen konnte erst mit dem Ackerbau und der damit verbundenen Sesshaftigkeit in Häusern erfolgen. Wo landwirtschaftliche Produkte gelagert werden, finden sich auch Ratten und Mäuse in großer Zahl ein. Kein Wunder, dass sich auch Wildkatzen diese Futterquelle erschließen wollten. Da sie keine Kooperationsgene besitzen und den Menschen meiden, verlief die Aufnahme über die Schiene der Nützlichkeit. Im Vorteil waren diejenigen, welche die Menschen zunächst als unvermeidliches Übel akzeptierten, sie nicht scheuten, und von ihnen gern gesehen wurden, solange sie das Federvieh in Ruhe ließen. Die Verträglichkeit im Haus, wo es auch reichlich ungebetene Gäste gab und gibt, war durch ihre peinliche Sauberkeit und Vorsicht sichergestellt: Selten geht etwas zu Bruch. Im Haus hatten die Menschen mehr Möglichkeiten, bei der Eindämmung des zahlreichen Nachwuchses die Auswahl zu treffen.

*) Neotenie lt. Meyer: Eintritt der Geschlechtsreife im Larvenzustand (Biol.)

 

In dem Buch von Konrad Lorenz: „Vom Weltbild des Verhaltensforschers“ fand ich Wissenswertes zum Thema Domestikation in dem Kapitel „Die Domestikation und die Weltoffenheit“ aus dem ich Auszüge zitieren möchte:

 

Die Domestikation bestimmter Tierarten ist das älteste biologische Experiment der Menschheit. (....) Als „domestiziert“ bezeichnet man herkömmlicherweise eine Rasse von Tieren, wenn sie sich von der wildlebenden Stammart in einigen typischen erblichen Merkmalen unterscheidet, die sich im Laufe der Haustierwerdung herausgebildet haben. Bei fast allen Haustieren finden sich Scheckigkeit, Verkürzung der Extremitäten und der Schädelbasis, Verminderung der Straffheit des Bindegewebes, die zur Ausbildung von Wammen, Hängeohren, Herabsetzung des Muskeltonus u. desgl. führt, Neigung zum Fettwerden, vor allem aber eine ganz allgemeine und sehr erhebliche Zunahme der Variationsbreite in allen möglichen Artcharakteren. (....) Es scheint ausschließlich der Fortfall der natürlichen Auslese die Schuld daran zu tragen, daß alle diese Merkmale herausgezüchtet werden. (....) Daß auch der Mensch echte Domestikationsmerkmale zeigt, hat interessanterweise Schopenhauer als erster gesehen. Er sagt klar, die blauen Augen und die helle Haut des Europäers seien „überhaupt nichts Natürliches“, sondern „den weißen Mäusen oder mindestens den Schimmeln analog“. (....) Eugen Fischer hat schon vor sehr langer Zeit darauf hingewiesen, daß die Pigmentverteilung, wie sie sich in blauen oder grauen Menschenaugen findet, bei keinem einzigen wild lebendem Tier vorkommt, dagegen in völlig gleicher Weise bei nahezu allen Haustieren.

Es erübrigt sich wohl, auf die erdrückende Kasuistik der typischen Domestikationsmerkmale des modernen Menschen einzugehen. Jeder, der für derlei Dinge Augen hat, sieht sie ohne weiteres als eine Selbstverständlichkeit, und niemand wird an ihrer Wesensgleichheit mit den an Haustieren ausgeprägten zweifeln.

Eine Reihe domestikationsbedingter Veränderungen gehört nun ganz zweifellos zu jenen Voraussetzungen der Menschwerdung, die den heutigen Menschenaffen fehlen. Die wichtigste von ihnen ist die von Bolk als Retardation bzw. Fötilisation bezeichnete Entwicklungshemmung, die Jugend-merkmale der Wildform als persistierende Charaktere fixiert. Ich sehe keinen Grund, weshalb man die in der Biologie sonst übliche Bezeichnung Neotenie – wenigstens partiell -- auf die in Rede stehenden Erscheinungen nicht anwenden sollte. (....)

Viel wichtiger aber sind für das Problem der Menschwerdung die Neotenieerscheinungen im Verhalten. (....) Ein jung aufgezogener Schakal, Dingo oder Wolf verhält sich während seines ersten Lebensjahres gegenüber dem Menschen ganz genau wie ein Haushund; später jedoch ist der Pfleger enttäuscht, wie völlig unhündisch unabhängig sein Pflegling nunmehr wird, wenn er auch als erwachsenes Tier seinem Herr immer noch eine gewisse kollegiale Freundschaft entgegenbringt. Es ist für mich eine geradezu ergreifende Tatsache, daß der Hund sein wesendlichstes Merkmal, die Treue zum Herrn, ganz ebenso einer domestikationsbedingter Neotenie des Verhaltens dankt, wie der Mensch seine konstitutive Weltoffenheit.

 

Im Folgenden sieht Lorenz die Weltoffenheit im spielerisch-jugendlichem Neugierverhalten in seiner Forscherexistenz.

Wer nun gar an sich selbst erlebt hat, in welch fließendem Übergang die Lebensarbeit eines Naturforschers aus dem neugierigen Spiel eines Kindes hervorgehen kann, wird an der grundsätzlichen Gleichartigkeit von Spiel und Forschung niemals zweifeln. Das neugierige Kind, das aus dem Wesen des erwachsenen, völlig zum Tier gewordenen Schimpansen so völlig verschwunden ist, ist im „echten Manne“ durchaus nicht, wie Nietzsche sagt, versteckt: Es beherrscht ihn vielmehr völlig. (....) Der neotene, kiemenatmende Axolotl, wie auch der Grottenolm, stammt ganz sicher von lungenatmenden Landtieren und nicht von aquatilen Urstegocephalen ab. (....)

Neuere Forschungen haben gezeigt, dass sich der Axolotl, wenn man ihn ans Tageslicht bringt, zu einer Landechse entwickelt, in welcher Form er allerdings nicht überlebensfähig ist.

Der Mensch verdankt also seiner partiellen Neotenie, und damit mittelbar seiner Selbstdomestikation, zwei konstitutive Eigenschaften: erstens das Erhaltenbleiben der weltoffenen Neugier über nahezu sein ganzes Leben, zweitens aber eine Entspezialisation, die ihn schon rein körperlich zum unspezialisierten Neugierwesen stempelt. (....)

In der Folge geht er auf die Desintegrationsvorgänge des instinktiven Verhaltens ein.

Die anlagemäßige Verschiedenheit der Individuen, die aus der Variationsbreite der Instinktausfälle resultiert und die es bei keiner Wildform gibt, ist von Wichtigkeit: Sie bildet die unmittelbare Voraussetzung jener hochentwickelten Arbeitsteilung, die ihrerseits Vorbedingung für das Entstehen aller menschlichen Kultur ist. Vor allem aber ist (….) die konstitutive Freiheit des menschlichen Handelns die unmittelbare Folge domestikationsbedingter Reduktion des starr instinktiven Verhaltens.

Freiheit bringt oft Gefahr mit sich, und besonders gefährlich ist die Art, wie der Mensch die ihm eigene Handlungsfreiheit dadurch erlangte, daß bei ihm erprobtermaßen arterhaltende Aktions- und Reaktionsnormen in regelloser Weise verloren gingen oder verändert wurden. Die domestikations-bedingten Veränderungen sind an sich hart ans Pathologische grenzende Vorgänge, und jene Ausfälle, denen der Mensch seine spezifischen Freiheiten verdankt, stehen dicht neben solchen, die ihn in den Abgrund stoßen. (....) In der Raumkonkurrenz der Zivilisierten haben leider fast alle beschriebenen domestikationsbedingten Störungen einen positiven Selektionswert. Eine Verminderung sozialer Triebe und Hemmungen ist im modernen Konkurrenzkampf äußerst nützlich, und so kommt es, daß weniger soziale bis asoziale weit erfolgreicher sind als die vollwertigen, auf deren Kosten sie letzten Endes leben. Ausfallbehaftete Elemente durchdringen Völker, Staaten und Kulturkreise genauso und aus völlig analogen Gründen wie Krebszellen in infiltrativem Wachstum den Körper durchdringen. Und wie diese können sie den Wirtsorganismus und damit sich selbst schließlich zugrunde richten. (....)

Viele soziale Verhaltensweisen, die dem persönlich bekannten Sozietätsmitglied gegenüber ohne weiteres ansprechen, mußten versagen, als durch das Anwachsen der Individuenzahlen innerhalb der menschlichen Gemeinschaften sich die Forderung erhob, dem anonymen Unbekannten gegen-über sich in gleicher Weise zu verhalten. Die Hemmungen, einen Artgenossen zu töten, erwiesen sich als unzureichend, als die erste Waffe diese Tat so erleichterte und beschleunigte, daß die früher hemmungsauslösenden Faktoren unwirksam wurden. (....) Die um sich greifenden Degenerationen seiner sozialen Instinkte, das ständige Anwachsen der Furchtbarkeit seiner Waffen, die zunehmende Überbevölkerung der Erde scheinen den nahen Untergang der Menschheit zu verkünden. Oder sind alle diese Übel letzten Endes doch nur Teile von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft?

Ist es nicht eher so, dass alle sich nur in ihre edlen Motive hineinsteigern, und sei es für eine Mordbrennerei, und dabei das Böse päppeln? Aber den Schlusssatz beiseite, (kurz davor tauchte auch das „möge“ als Hoffnungsseufzer auf) hoffe ich, keine sinnent-stellende Kürzungen vorgenommen zu haben. In seinem Buch „Über tierisches und menschliches Verhalten“ Band II referiert er sein Thema etwas ausführlicher. Seine Schilderungen kann ich nur bestätigen. Lediglich bei den „vollwertigen“ Menschen werde ich Bedenkenträger. Der Ausdruck macht nur Sinn als Gegenteil von minderwertig. Da wüsste ich gerne, wer da die Auswahl trifft, und nach welchen Kriterien er die Vollwertigen von den Minderwertigen trennt. (in der Bibel die Schafe von den Böcken).

Dann fiel mir auf, was bei dem menschlichen Verhalten alles fehlt: die sozialen Werkzeuge und Strategien, mit denen jede(r) sich im Überlebenskampf behaupten möchte. Um nichts Wesentliches übersehen zu haben, sah ich mir in beiden Büchern die Sachregister an. Die Begriffe, die ich da vermisste: Ignoranz, Täuschung, Betrug, Selbstbetrug, Verdrängung, Tarnung, Niedertracht, Fälschungen, Geheimnisse, Verleumdung, Gerüchte, Irrtum, Irrsinn, aber auch Vernunft (was immer man darunter verstehen mag), Hilfsbereitschaft und Zusammenarbeit.

Auf der kollektiven Ebene fehlten die verschiedenen Organisationsformen wie Stammeswesen, Meuten, Horden, Banden, Staatswesen mit Diktatur, Königtum, Aristokratie, Oligarchie, Militärdiktatur, Klerikalismus, Demokratie, mit den Machtmitteln der Propaganda, Suchtsteuerung, Gehirnwäsche, Armeen mit Krieg und Frieden, Verwaltung, Bürokratie, Hierarchien, dann auf der geistigen Ebene die Scheidung von Intelligenz und Dummheit, Wahrheit und Lüge, vor allem im Krieg und in dessen Voraussetzungen z.B. das Gut/böse-Schema in pauschalisierter Form, und vor allem der Glaube in allen seinen Facetten, das „credo quia absur-dum“(quia: gerade weil), usw..

Wie soll man einen religiös begründeten Krieg führen, wenn man nicht unterschiedliche Glaubensinhalte vertritt, die alle so fiktiv, wie sie sinnvoll als Selektionsinstrumente sind, wenn es darum geht eine Überbevölkerung und damit eine Übernutzung der Ressourcen zu verhindern, und Räubereien zu ermöglichen.

Des Weiteren fällt mir die Akribie auf, mit der er jede Ausdrucksbewegung der Enten analysiert, wohingegen eigene Beobachtungen des menschlichen Verhaltens in seinen Einzelheiten fehlen. Es sind Betrachtungen von Wolke 7. Die tun kaum jemandem weh. Somit vermeidet er Themen, die nach Pulverdampf riechen. Seine Thesen stützen sich im Wesentlichen auf Beobachtungen Anderer. Bei der gewaltigen Menge der sozialen Werkzeuge der Menschen würde eine detaillierte Beschreibung mit Vor- und Nachteilen den Rahmen mehrerer Bände erfordern und möglicherweise ins Uferlose führen. Allein zum Thema Lüge ist die Literatur vor allem von Theologen so umfangreich, dass sie mehrere Regalböden füllt.

 

Bevor ich zum Thema Neotenie zurückkomme, möchte ich noch einmal die Idee der „Vollwertigen“ aufgreifen: Genau hier wäre der Einstieg in die Werkzeugkiste der Selektionsinstrumente, die Büchse der Pandora, die Konrad Lorenz angesichts der horrenden Herausforderungen lieber nicht öffnen möchte. Dafür habe ich volles Verständnis: Ich möchte es auch nicht tun, wollte den Inhalt aber ansatzweise benannt haben. Die Kommunikationsmittel der Enten sind hingegen viel überschaubarer, und die geruhsame Anwesenheit am Ententeich ein Idyll. Wo er sich mit den menschlichen Fähigkeiten wie Gestaltwahr-nehmung und Konstanzleistungen auseinandersetzt, meidet er konfliktträchtige Themen. Wo es Sinneswahrnehmung gibt, ist auch die Sinnestäuschung nicht weit. Aber ist dann der Buchtitel Vom Weltbild eines Verhaltensforschers angemessen, wenn die oben aufgeführten Verhaltensweisen bei ihm nicht vorkommen, obwohl zumindest einige auch bei den Tieren zu finden sind? Ist das womöglich eine kindliche Verdrängungsstrategie, welche Tabus nicht verletzen und die Niederungen mensch-lichen Verhaltens umgehen möchte? Könnte das ein infantiles Bewusstsein widerspiegeln, zu dem er sich ja auch bekennt, welches exzessives Verhalten als unmenschlich skandalisiert, was aber bei historischer Betrachtung aber zutiefst menschlich ist? Es geht mir nicht darum, wie gründlich er etwas betrachtet, sondern was er betrachtet, und was nicht. Im Übrigen bekenne auch ich mich zum infantilen Bewusstsein, am deutlichsten in dem Musikstück „Die Krone der Erbärmlichkeit“.

Selektive Wahrnehmung ist die Voraussetzung jeglicher Erkenntnis, und findet in jeder Sekunde statt.

 

    Nun aber zurück zur Neotenie: Zunächst möchte ich das gestelzte Wort durch das allgemein verständliche Verkindlichung oder auch Infantilisierung ersetzen. Meine Beobachtungen lassen die These zu: Je mehr der Zivilisationsprozess fortschreitet und die Innovationshektik zunimmt, um so kindlicher muss unser Verhalten werden.

 

    Die genetische Zielvorstellung jedes höheren Lebewesens ist die „Imago“: die körperliche wie soziale Geschlechtsreife, welche die Aufzucht des Nachwuchses einschließt. Wir nennen das den Zustand des Erwachsenseins. Wie steht es nun heute damit? Auffällig ist zunächst das immer weiter Auseinanderfallen von körperlicher und sozialer Reife, die wir als selbst verschuldete Unmündigkeit gelernt haben zu betrachten. Die Nesthockerei und das Hotel-Mama-Syndrom sind wohl deutliche Anzeichen der zunehmenden Neotenie. Konnte ich als Kind noch ohne weiteres bei Handwerksbetrieben reinschauen, so ist das heute viel zu gefährlich. An der öffentlichen Tischtennisplatte begegnete mir ein älterer Jugendlicher, der schon drei Lehren in verschiedenen Berufen hinter sich gebracht hatte, nur um dann feststellen zu müssen, dass ihm dort Allergien die Berufsausübung unmöglich machten. Dass die Reproduktionsrate in den höheren Gesellschaftsschichten, wo Kinder nicht mehr als willkommene Hilfskräfte angesehen werden, vielmehr zu Investitionsobjekten werden, signifikant zurückbleibt, ist ein weiteres Indiz. Berufsbilder, die noch vor wenigen Jahr-zehnten als krisensicher galten, sind heute dem technischen Fortschritt zum Opfer gefallen. Die Folge ist, dass bis ins hohe Alter die jugendliche Lernfähigkeit erwartet wird, und die Weltoffenheit im spielerischen-jugendlichen Neugierverhalten zunehmend als Pflicht angesehen und dementsprechend ausgenutzt wird.

   Die wohl verhängnisvollste Idee, die der Infantilismus hervorgebracht hat, ist das Postulat des permanenten ökonomischen Wachstums. Der Josephs-Pfennig soll hier nur am Rand erwähnt werden, der bei 5 % Zinseszins zu 76 Milliarden Erdkugeln aus purem Gold führen würde, die Jesus heute abheben könnte, wenn er wüsste wo und wie. Die Forderung von 3 % Wachstum des Bruttosozialprodukts jährlich (es waren schon einmal 5 %) ist schon konkreter. Sie führt allein in den 81 Jahren bis zur Jahrhundertwende zu einer Vervielfachung von etwa 16. Diese verantwortungslose Zielsetzung kann gar nicht anders als als Spekulationsblase enden.

   Kinder wollen und müssen wachsen, je schneller um so besser. Das „will auch haben“ ist eine frühkindliche Gier. Wer ist von dieser Akkumulationsidee nicht betroffen? Kindlich ist das Werden, infantil das ewige Werden, die Imago wäre das Sein. Wie seufzte doch Mathilde Wesendonck in einem ihrer Gedichte: „genug des Werdens, lass mich SEIN!“. Mittlerweile hat der Wachstumskult die Dimension einer Weltreligion erreicht. Die wenigen „Rückständigen“, die sie in Frage stellen, wollen auch an Zahl wachsen. Nur noch in der Verschwendung kann sich das Wachstum noch realisieren. Brauche ich bei der EDEKA in einer Kleinstadt wirklich über 200 verschiedene Nudelpackungen, oder über 30 Senfsorten, Albträume der Logistik?

Der Teufel des Wachstums ist das Schrumpfen. Dieser Begriff ist tabuisiert und wird von allen Politikern peinlichst gemieden. Schon in seiner Lautfolge lässt er erschaudern: Mit dem Zischlaut am Anfang verscheuche ich Katzen, er bezeichnet fast immer Negatives. Ersetzt man das R durch ein L und das U durch ein Ü, werden Schlümpfe draus, welche mir entschwinden. Das U gefolgt von dem Pannenlaut PF führt noch tiefer herab in die Schrumpfschlauchdepression. Als Verb mit den Endungen ST oder T gibt es der Wachstumshoffnung den Gnadenschuss. Je mehr wir uns rackernd erhitzen, um so mehr schrumpft der Schrumpfschlauch. Die Entwicklung läuft darauf hinaus, dass das Wachstum das Wachstumspostulat erschlägt. Das „credo quia absurdum“ ist ja die Kernbotschaft aller Glaubensgemeinschaften und muss das auch zwangsläufig sein.

Das wohl überzeugendste Indiz für die zunehmende Infantilisierung der Gesellschaft ist die Wahl eines Präsidenten der USA, der in einem Augenblick seltener Ehrlichkeit eingesteht, er habe sich seit seinem 6. Lebensjahr in seinem Verhalten nicht mehr verändert, was auch seine ehemaligen Schulkameraden mit Nachdruck bestätigen. Das kindliche Trotzköpfchen lässt ihn nicht los, reicht aber aus, um amerikanischer Präsident zu werden.

Die Neotenie, die im Tierreich selten ist, aber bei Menschen und Haustieren die Regel, muss in ihrer fortschreitenden Form propagandistisch gestützt werden. Welche sind hier die Mechanismen, Transmissionsriemen und Akteure? Ich will hier nur wenige herausgreifen.

 

Der Glaube

 

Man fängt am besten bei der Bibel an. In der Stuttgarter Stichwort-Konkordanz finde ich 16-mal Kinder Gottes, 33-mal Kinder Israel, 5-mal Kinder Juda und Levi, ohne dass Minderjährige gemeint sind. Hier einige Zitate:

          Jes. 3/12: Kinder sind Gebieter meines Volks

          Math. 5/45: daß ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel

Matth.18/3: es sei denn, daß ihr euch umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.

Die Drohung auf die heutige Zeit übersetzt: „so bekommt ihr keinen Job“.

Luc. 18/17: wer nicht das Reich Gottes annimmt wie ein Kind

Apg. 13/10: O du Kind des Teufels, voll aller List und aller Schalkheit

1. Kor. 4/14: ich vermahne euch als meine lieben Kinder

Röm 8/15: ihr habt einen kindlichen Geist empfangen

Gemeint sind Eigenschaften wie Folgsamkeit und Unterwürfigkeit, welche man Kindern unterstellt, nichtachtend den Trotz, Ungehor-sam, Aufmüpfigkeit und nervtötende Schreierei. Gerne wird dabei übersehen, dass die wichtigsten Machtkämpfe in frühester Jugend ausgefochten werden, weil die Folgen hier noch überschaubar sind.  Auch die „Kinder Israels“ waren ihrem Gott oft ungehorsam und mussten deshalb ständig ermahnt, und wo das nicht half, durch militärische Niederlagen oder anderes Ungemach bestraft werden.

In der Vergangenheit war es die Aufgabe der Prediger (predicere = vorsagen), die Landeskinder in Unmündigkeit zu halten. Ihre Aufgabe ist in der Bibel eindeutig als „guter Hirte“ definiert, der seine Schafe hüten soll. Im Widerspruch stehen dazu die Einsätze der Kinder als Polizei, Sittenwächter und Denunzianten in Savonarolas Gottesstaat in Florenz, sowie Bockelsons in Münster. Oder doch nicht?

Religiöse Prediger haben hierzulande keine große Bedeutung als soziale Wegweiser mehr. Diese Aufgabe haben Instruktoren und Lehrkräfte, die Presse und vor allem die elektronischen Medien übernommen.

 

   Ich sehe zwei unterschiedliche Praktiken der sozialen Kontrolle, die in frühester Kindheit ihre Wurzeln haben und den gesellschaft-lichen Zusammenhalt bewirken sollen.

 

Prinzip 1: Was die Mama hundertmal wiederholt hat, ist die Wahrheit. Wenn ich das glaube, geht es mir gut.

Prinzip 2: Was der Papa sagt, muss gemacht werden, sonst kriege ich Haue. Dem Befehl muss ich gehorchen.

 

   Zu 1) Die wichtigste Stütze der mentalen Neotenie ist die Wiederholung. Ein Kleinkind wiederholt viele Male jedes neue Wort, das es entdeckt, bis es sich fest in sein Bewusstsein eingeprägt hat. Es hat dann etwas begriffen und betreibt damit Werbung. Aus der Werbung entwickeln sich Litaneien, Systeme der Propaganda, Gehirnwäsche, Gebetsmühlen, Rosenkränze beten, Rituale, Glaubensbekenntnisse, gemeinschaftliche Gesänge, Wiederholungen in der Musik, die Suchtverhalten erzeugen (Ohrwürmer). Kindliches bis Kindisches in der Musik zu entdecken überlasse ich den Hörern. Selbst die Wissenschaft gehört hierhin. Das Prinzip der Falsifizierbarkeit verleiht einer Hypothese Gültigkeit nur dann, wenn das Ergebnis sich unter den gleichen Voraussetzungen beliebig oft einstellt. All das soll Verlässlichkeit suggerieren. Die Zwänge werden verinnerlicht durch Belohnung, was aber die dazu notwendigen Mittel (Überfluss) voraussetzt. Man nennt diesen Komplex die psychische Sklavenhaltung.

 

   Zu 2) Hierher gehört der unmittelbare Zwang und das Prinzip von Befehl und Gehorsam, durchgesetzt durch gesellschaftliche Isolation mit dem Mittel der Bestrafung für Ungehorsam. Dafür steht ein Arsenal der Bedrohungen bereit: Der Justizapparat mit Disziplinierungen (discipulus = Schüler), Zwangsarbeit, Gefängnissen, körperliche Bestrafungen bis zur Folter, Hinrichtungen, Belagerungen mit Preisgabe zum Hungertod, Umerziehungslager, Unterdrückung der Meinungsfreiheit, militärischer Drill zum Zweck der Gleichschaltung. Diesen Komplex nennt man die physische Sklavenhaltung.

 

In der langjährigen Praxis können diese beiden Prinzipien nur gemeinsam funktionieren, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß.

 

 

Die Kindeserziehung

 

Wie in vorgeschichtlicher Zeit die Aufzucht der Kinder gehandhabt wurde, schildert z.B. Daniel Everett, der als Missionar zu den Piraha im Amazonasbecken ausgesandt wurde, die sich als missionierungsresistent erwiesen hatten, in seinem Buch „Das glücklich-ste Volk“. (Es hatte zuletzt ihn bekehrt). Eine Privatsphäre gibt es dort nicht, weil blickdichte Behausungen fehlen. Bis zu einem Alter von 4 Jahren wird den Kindern ein besonderer Schutz und Behütung zugebilligt. Danach nehmen sie wie Erwachsene am öffentlichen Leben teil, und werden wie kleine Erwachsene behandelt: Sie dürfen sogar an einem Besäufnis teilnehmen, wenn es gerade mal Alkohol gibt. Das schließt auch sexuelle Erfahrungen ein, sofern sie nicht von Erwachsenen ausgehen und gefordert werden.

   Die Kinder wollen doch wissen, was die Erwachsenen treiben, und nicht in einer asexuellen Welt der Fiktionen leben, wo die Wirklichkeit durch Märchen vermittelt wird. Everetts Eindruck: Ich habe nie glücklichere Kinder gesehen.

In Afrika sieht man noch die Kleinkinder bei der Arbeit auf dem Rücken ihrer Mütter gebunden, wo sie die Wirklichkeit mit Zusammenwirken und Auseinandersetzungen der beteiligten Personen emotional erfahren, auch wenn sie noch kein Wort verstehen.

Bei uns sieht man draußen kaum noch Erwachsene, die ihre Kleinkinder auf dem Rücken oder auf den Schultern tragen. Sie lernen früh im Leben, dass es ihre Bestimmung ist, in Gefährten transportiert zu werden, die möglichst abgeschlossen sind, und nur noch den Blick auf die Erziehungsperson gestatten. Mit der Erfindung des Kinderwagens wird das Kind auf ein Leben auf Rädern hingeführt.

Dass Kinder durch Wissensvermittlung und Schulung erzogen werden sollten, ist eine Ansicht, die in geschichtlicher Zeit bis ins Mittelalter nur in den höchsten Gesellschaftskreisen üblich war. Dort war das Wissen konzentriert, dem Rest der Gesellschaft wurde dieses Wissen z.B. über Geschichte und Religion vorenthalten und verheimlicht, um sie zu entmündigen: dort gab es bloß Geschichten und Lernen durch Tun und Nachahmung.

Erst in der Neuzeit mit der zunehmenden Komplexität der Produktivkräfte und Produktionsweisen setzte sich die Ansicht durch, dass auch in den niederen Ständen die Kinder erziehungsbedürftig seien. Das vollzog sich aber nur langsam, da anfangs die meisten einfachen Tätigkeiten nur mit Stumpfsinn zu ertragen waren. Die Bildungsarbeit wurde vom Klerus und den Zünften nur für bevorzugte Mitglieder geleistet. Die allgemeine Schulpflicht wurde in Deutschland erst im 19. Jahrhundert eingeführt, auf der Grundlage der Reformideen Pestalozzis. In der Schule wird ihnen die Welt vermittelt, nicht wie sie ist, sondern wie sie sein sollte. Die Gesellschaft ist der Ansicht, dass man einem kindlichen Gemüt die Wirklichkeit nicht ungefiltert zumuten könne, was angesichts des Kontrollverlusts der hoch differenzierten Gesellschaftsstruktur, welcher die Kriminalität begünstigt, nicht unbegründet ist. Mittlerweile ist die Verschulung so weit fortgeschritten, dass der Stundenplan um einen Terminplan erweitert wurde, der die Mutter zur Chauffeurin macht, viele Kinder managerkrank werden lässt, und den Tag nahezu ausfüllt. So wird das Leben als Kind eingezäunt und fremdbestimmt. Eigene riskante Erfahrungen zu machen, auch negative, aus denen das Kind selbständig etwas lernen könnte, wird als Gefahr angesehen, was sie dann auch wird. Eine frühe Selbständigkeit und eigene Risikoabschätzung ist so nicht mehr möglich. Sexuelle und mentale Reife fallen auseinander.

   Ein wichtiger Schritt, das kindliche Bewusstsein in Permanenz zu erhalten, ist die zunehmende Isolation der Kinder und die Erschaffung eigener kindlicher Erlebniswelten, die mit der Wirklichkeit nur in losen Kontakt treten: Märchen, Spiele, Sport, Rätsel, Kindersprache, Kindermoden, Musik und Lieder für Kinder, besonders die Schulmusik, die nur dort zu hören ist.

       Unvergesslich bleibt mir das Liedgut eines Jens Rohwer in dem Stil:

       „Freunde, lasst uns fröhlich loben unsre schöne helle Welt,

       mag´s im Finstern noch so toben, wir sind froh dem Tag gesellt“.

Das schafft Erwartungen und Haltungen, die dann später nur noch in der Sucht Erfüllung finden können.

Die letzte bisherige Stufe der Isolation der Kinder ist das eigene Kinderzimmer. Es ist das einzige Zimmer, dessen Tür das Kind aus eigenem Antrieb zumacht. Hier kann es sich seine eigene Erlebniswelt zusammenstellen und die Heimlichtuerei beginnen. Irgend-wann, abhängig von dem Überwachungsdrang der Erzieher, entsteht dann zwar die Forderung nach einem eigenen Schlüssel, aber eine Sicherheits- und Überwachungsindustrie hilft geschlossene Türen zu überwinden. Das eigene Handy, von den Kindern als Statussymbol angesehen, mit dem sich die weite Welt erreichen und erschließen lässt, wird zur langen Leine der Eltern.

Wie sieht es jetzt im Zeitalter der Überflussgesellschaft im gutbürgerlichen Kinderzimmer aus? Die begrenzten Möglichkeiten der Zuwendung der Eltern, die von Termin zu Termin hasten, werden durch Lösegeld in der Form von Geschenken ersetzt. Diese setzen kaum noch schöpferische Fantasie frei, werden kurz in der vorgesehenen Bestimmung ausgetestet und ausgekostet, sind dann schnell langweilig, und werden dann entweder in die Ecke gepfeffert, oder bei gehobenem Ordnungssinn als Trophäen in Regale und Schränke einsortiert. Dort werden sie dann nur noch hervorgeholt, um bei Freunden Eindruck zu schinden, und Neid zu erwecken. Neue Geschenke müssen dann als Liebesbeweise oder Vertreiber der Langeweile her. Es ist der Einstieg ins Messitum der Erwach-senen, die mit aufgemotzten Geländewagen den Nachbarn, den man nicht leiden kann, ausstechen wollen. Daraus entsteht die Unfähigkeit, das Haben zu genießen.

Die konsumistische Wachstumsgesellschaft weckt in jedem von uns zwangsläufig den Messi. Wer gesteht sich schon beim Kauf einer Köstlichkeit, dass diese sich zwangsläufig in Müll verwandelt. Es ist bloß eine Frage der Zeit. Wer das nicht wahrhaben will, braucht bloß einen Blick in seinen Kleiderschrank zu werfen und sich fragen: Wann habe ich dieses und jenes das letzte Mal angezogen?

 

 

                                  Die Mode

 

Mit der Mode zeigt man nicht nur, was man hat und was man sich leisten kann, man zeigt auch seine Stellung, Gesinnung und Gruppenzugehörigkeit. Das ist allgemein bekannt. Moden gibt es in allen gesellschaftlichen Bereichen. Am deutlichsten zeigt sich öffentlich Zugehörigkeit und Abgrenzung bei der Kleidung und der Auswahl der Accessoires, die den Charakter von Fetischen annehmen.

Moden entstehen nicht durch Dekrete und Verfügungen, sondern aus dem Verhalten von Vorbildern und ihren Nachahmern. Beide können aus allen Schichten der Gesellschaft stammen. Erst später, wenn sich eine Mode etabliert hat, nimmt sie den Charakter von Zwanghaftigkeit an, will man „dazugehören“. Mit der Mode zeige ich, dass ich Teil einer Menschenmasse bin, oder werden will. Das verleiht mir die Macht und Schutz der Vielzahl, auch wenn ich mir das bloß einbilde.

Ich möchte als Beispiel lediglich den Wechsel von Farbe und Farblosigkeit anführen. In der Aufbruchsstimmung aus der Grau- und Duckmäusigkeit der fünfziger und sechziger Jahre gewann das Bedürfnis nach Farbigkeit des Lebens in den siebziger Jahren die Überhand. Die Entwicklung des Farbfilms und vor allem das Farbfernsehen verstärkten den Wandel. Fahrzeuge wurden bunt bemalt, man buhlte mit Farbe um Aufmerksamkeit. Das gegenseitige farbliche Überschreien wurde anstrengend, irritierend und Übelkeit erregend, so verwandelte sich das kindliche Wonnegefühl im Laufe der Zeit in Ekel durch Überforderung. Passend zu der Überal-terung der Gesellschaft wurden die Grautöne des Alters modern. Die Kultfarbe der Abstiegsängste einer alternden Gesellschaft wurde bei Fahrzeugen, bis hin zur Unterwäsche, Schwarz, die Farbe des Todes. Bemerkenswert ist dabei, dass aufstiegsorientierte Gesell-schaften nach wie vor knallige Farben lieben. Das gilt auch für die Kinder in den altersgrauen Zivilisationen.

Das auffälligste Kennzeichen der Mode ist ihr Wechsel. Dieser vollzieht sich mit zunehmender Zivilisierung immer schneller und vielfältiger. Kinder erfreuen sich am schnellen Wandel, sie sind neugierig. Beharrung kennzeichnet das Alter.

 

          

 

                            Die Unterhaltungsindustrie

 

Hier gerät alles zum Spiel (bei der Produktion nur scheinbar): Musiker spielen ein Instrument, Komponisten gehen spielerisch mit dem Material um, im Theater werden Schauspiele geboten, Glücksspiele nehmen Sucht erzeugend epidemisches Ausmaß an. Ratespiele fragen das akkumulierte Wissen ab. Gewinnspiele ernähren eine Automatenindustrie. Spielzeugproduzenten beliefern seit langem nicht nur Kinder, es gibt immer mehr Spielzeuge für Erwachsene mit Milliardenumsatz, z.B. für die Raserei.

Spiele vertreiben die Langeweile, führen Menschen zusammen und trennen sie. Kartenspiele überdecken die kommunikative Leere. Kriegsspiele bedienen den Zerstörungsdrang, der schon im Sandkasten offenbar wird. Sexuelle Spiele sind ein Surrogat des Fort-pflanzungsdrangs, ohne den Mühen der Aufzucht des Nachwuchses entgegensehen zu müssen. Die Spielsachen nennt man hier  Fetische.

Alles soll spielerisch aussehen, bedeutet aber für die Produzenten harte Arbeit. Nur bei Amateuren bleibt der spielerische Ansatz erhalten, sie sind aber die Mehrheit. Die Palette der Spielsucht reicht von der Wallstreet bis Las Vegas. Alle gesellschaftlich akzep-tierten Spiele unterliegen einem Wiederholungszwang, der die Kindheit überdauert.

Im Sport feiert das Spielerische seine größten und leidenschaftlichsten Triumphe. Es sind Ausscheidungswettbewerbe wie bei den Kindern: Ene mene mu, und aus bist du. Kindliche anarchische Rangordnungskämpfe werden in regulierter und ritualisierter Form mit Stoppuhr, Längenmaß und Bewertungen nach Punkten ausgetragen. Lediglich der Kommerz treibt den Spielen das Spielerische aus, und führt zu hochbezahlter Sklaverei.

 

Man könnte meinen, im Krieg hörten die Kindereien auf, aber dort ist man ja vollständig entmündigt. Kriegslüsterne Gesellschaften reduzieren zwar das Repertoire an Schauspielen, aber die minutiös choreografierten Paraden machen die Menschen zu Objekten des Vollzugs.

 

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                                                                             Kinderei von meinen Gästen