Krong Loi

 

Dieses Thai-Dorf mit einigen hundert Einwohnern ist auf den gängigen Landkarten und auch bei Google nicht zu finden. Biegt man an der engsten Stelle von Thailand bei Bang Saphan von der Magistrale in Richtung Westen ab, so erreicht man einen Bach entlang das Dorf nach ca. 6 km. Touristen sieht man dort nicht, es ist vollkommen landwirtschaftlich geprägt. Es gibt kleine Parzellen mit Ananas, Mangos, Litschis und Papayas und vor allem Bananenstauden mit den köstlichen kleinen Früchten.

Mein Freund Richard, der regelmäßig im Winter Thailand besuchte, hatte sich mit einer Thai-Frau, Mutter von zwei Töchtern, liiert, der er in gemeinsamer Streitsucht verbunden war. Ihrem Vater gehörte dort ein heruntergekommenes Anwesen mit Wohnhaus, welches sie gemeinsam instand setzten und durch Anbauten erweiterten. Es lag an einem weitläufigen Teich, der durch einen Damm entstanden war, über den die Zufahrtstraße führte. Für seine Gäste hatte er eine Hütte auf Stelzen am Ufer in den Teich hinein gebaut, in der ich mich im Februar 2005 einquartieren durfte. Es ließ sich alles recht idyllisch an.

 

Haus am Teich, die Hütte ist hinter den Stauden verborgen. Der Hund ist ein Rottweilerwelpe, noch recht schüchtern und ängstlich. Die Rottweiler sind in Thailand begehrt und teuer, sie heißen dort Lottwaila.

 

In der Gegend gibt es Moskitos, welche die gefürchteten multiresistenten Viren übertragen. Eine erhebliche Belästigung waren die aber nicht, da tagsüber ständig Vögel über dem Teich kreisten, welche fast auf die Minute genau von Fledermäusen abgelöst wurden. Außerdem gibt es Heerscharen von Fröschen, welche zur Paarungszeit nachts lärmten. Vor der Tür der Hütte ließ ich in der Nacht die Lampe brennen, welche bei kurzzeitig offener Tür auch die Moskitos aus der Hütte lockte, sodass ich bald auch auf das Moskitonetz verzichten konnte. Nachts hörte man auch den Tokai, eine Echse, rufen, etwa so: RICH—HAA, RICH—HAA, etwa 8 bis 10mal, wobei die letzten beiden Rufe verröcheln.

Die Gefährtin von Richard, sie nannte sich Ouen, war eine patente und resolute Frau, welche auch die Einkäufe in Bang Saphan übernahm. Einmal erzählte sie, dass dort eine Leiche ohne Kopf angespült worden sei: Es gab wohl Streit zwischen zwei Mafia-Clans.

In dem Dorf gab es auch eine Schule, die wir kurz bei einem Fest besichtigten, und das obligatorische Wat, von dem jeden Morgen drei Mönche mit großen Suppenschüsseln unter den Soutanen vor dem Bauch loszogen, um Suppe von den Einwohnern zu erbetteln. Ich sah einmal an der Straße eine Frau vor dem Mönch knien, damit er die Suppe entgegennähme und Segen spendete. Ansonsten waren sie für die Gestaltung von Festlichkeiten unverzichtbar, aber sonst tagsüber nur bei der Rückkehr mit vollen Suppenschüsseln sichtbar. Der Weg zum Wat zweigte von einem Weg ab, der parallel zum Höhenzug in die Anbaugebiete führte. Dort sah ich am Hang einmal ein Bambuswäldchen brennen. Die Polizei kam verspätet, konnte aber nichts machen, da die Brandstifter längst verschwunden waren. So war wieder Platz für den Bananenanbau geschaffen, nachdem heimlich das Wurzelwerk des Bambus entfernt würde. Die Genehmigung war dann mit Nachhilfe kein Problem mehr.

Ich hatte auch ein älteres Fahrrad mitgebracht, mit dem ich die Gegend oberhalb in Richtung Grenze erkunden wollte. Die Straße führte durch das Dorf, und wurde dahinter immer steiler und zu einem kaum befahrbaren schlechten Weg, wo ich schieben musste. Schließlich kam ich zu einem Stausee, aus dem ein blaues System von verbundenen Leitungen eine Bananenplantage am Hang bewässerte. Jenseits des Sees führte mich der Weg am Bach entlang zu einem Hof inmitten einer Plantage in Mischkultur, die ich als ökologisch vorbildlich empfand. Bald danach ging es aber abknickend steil nach oben weiter zur Passhöhe. Mit dem Fahrrad musste ich umkehren. Ein weiterer Ausflug führte mich jenseits des Bachs in ein düsteres Kautschukwäldchen, in dem Totenstille herrschte.

Wir gingen öfter ins Dorf zum Essen oder Einkaufen, um Kontakte anzubahnen und etwas Geld dazulassen. Alles schien soweit sich bestens anzulassen, nur eine Angelegenheit störte die Nachtruhe: Der nächste Nachbar am Teich in 30 Meter Entfernung hatte einen Billardtisch aufgestellt, an dem bis weit in die Nacht gespielt und krakeelt wurde. Ouen löste das Problem hintenrum mit einer Anzeige bei der Polizei wegen Drogenkonsum. Die rückte aus, danach herrschte Ruhe. Alles in allem ein gelungenes Urlaubserlebnis.

 

Im nächsten Jahr sollte alles ganz anders sein. Ein gnadenloser Taifun hatte die Ostküste heimgesucht, der Bäche und Rinnsale in reißende Ströme verwandelt hatte. Schon an der Küste waren etliche Gebäude verschwunden, aber Krong Loi hatte es voll erwischt. Die Wassermassen hatten den schon lange maroden Damm des Stausees einstürzen lassen, und hatten die in der Talmulde gelegenen Häuser und Hütten mitsamt Möbeln, Habe, Vieh und Autos mitgerissen, von dem noch einiges der Verheerung bei der Anfahrt im Bachbett zu sehen war. Ob es auch Tote gegeben hatte, entzieht sich meiner Kenntnis. Wo früher Häuser im Tal standen, war jetzt freie Fläche. Lediglich am Hang standen die Häuser noch.

 

Verheerungen unterhalb des Dorfs

 

Richard war bei der Katastrophe anwesend und fürchtete, die Wassermassen würden auch den Straßendamm überfluten und das mühsam ausgebaute Haus nicht verschonen. Das trat zum Glück nicht ein. Aber die Wasserfluten hatten von den seitlichen Hängen auch Schlamm in die Teiche gespült, und an dessen Rändern kratzige und für Schwimmer gefährliche Armleuchteralgen wuchern lassen, sodass es mit dem morgendlichen Bad von der Hütte aus, wo auch der Einstieg war, erst einmal vorbei war.

 

Richard bei dem Versuch, der Algenpest Herr zu werden

 

Der prekäre Zustand des Damms am Stausee war schon lange bekannt gewesen, aber niemand hatte sich darum gekümmert. Die im Gegensatz zu ihrem kriminellen Bruder beliebte Tochter des Königs Bhumibol Sirindhorn, die als Thronfolgerin vom Volk gewünscht wurde, aber keine Nachkommen hatte, sei mit Notizheft erschienen, ließ sich berichten, und nahm die Schäden auf. Danach seien Hilfslieferungen mit mehreren LKWs eingetroffen, und vor dem Haus des Bürgermeisters abgeladen worden. Ein großer Teil davon sei dann auf dem Markt von Bang Saphan verhökert worden, während zwei arme Einwohner, die vor dem Nichts standen, an Hunger gestorben seien.

Die Staatsmacht musste jetzt tätig werden. Als erster „Trost“, und als Zeichen, dass die Staatsmacht sich kümmerte, wurden Masten mit Lautsprechern überall in den Resten des Dorfs aufgestellt, von denen die Einwohner den ganzen Tag über mit Rundfunkwerbung und Thai-Schmonzetten beschallt wurden. Das schuf die Atmosphäre eines Umerziehungslagers. Ein Mast stand ganz in der Nähe, sodass Richard eine Leiter genommen hatte, und das Kabel durchzwickte.

Aber die rechte Urlaubsstimmung war dahin, zumal die Stimmung uns Touristen gegenüber zunehmend feindseliger wurde.

Weiter oben, jenseits des Dorfs, hatten die Fluten alles Angespülte weggerissen und eine Art Katarakt aus massigen Felsen freigelegt. Die Kinder des Dorfs hatten die Stelle schon als Badeplatz entdeckt. Dort fanden auch wir einen anderen Badespaß. Beim ersten Mal wurden wir noch fröhlich empfangen, am nächsten Tag mit Steinen.

 

Badefreuden

 

Angrenzend an unser Grundstück lag auf einem Hügel eine Ambulanz, welche von der Clique des Bürgermeisters in eine Karaokebar umgewidmet worden war, in der allabendlich gefeiert wurde. Ich rauchte abends draußen vor der Hütte zusammen mit einem weiteren Gast im Dunklen einen Joint (Ouen hatte den Stoff besorgt), den ich verbergen musste, als von dort ein Mann von der Clique den Hang herunterkam und uns Touristen beschimpfte.

Es wurde zunehmend brenzlich, der Staat musste Präsenz zeigen, und wir konnten die Ängste derjenigen verstehen, die viel zu verbergen hatten, und uns auf die Pelle rücken würden. So schien es jetzt ratsam, uns aus dem Dorf zu verdrücken. Das taten wir dann auch. Schön ist es auch anderswo.

Das Fahrrad war in der Zwischenzeit Familieneigentum geworden, und der Vater von Ouen konnte sich über das renovierte Anwesen freuen.