Schnurzel

 

im Anhang ein Vergleich mit "Perdita"

 

 

Der Erwerb

 

Im Herbst 2012 hielt ich die Zeit für gekommen, mir wieder eine Katze zuzulegen. Ich rief also das Tierheim Vaihingen/Enz an, und fragte wegen meines fortgeschrittenen Alters nach einer Katze mittleren Alters. Bei dem 2. Anruf sagte mir die Katzenbe-auftragte, vor kurzem sei eine achtjährige Langhaarkatze abgegeben worden. Von Langhaarkatzen wusste ich nur, dass es sie gibt, war aber noch keiner begegnet, was wohl daran lag, dass ich nicht in den Kreisen verkehre, wo man sich solche hält.

Ich fuhr also am Besuchstag hin, und wollte sie mir zeigen lassen. Die Mitarbeiterin führte mich also in die Katzenabteilung, wo ich aber nur gerade entwöhnte Kätzchen herumwuseln sah. „Kommen Sie ruhig rein, und machen Sie die Tür zu.“ Ich sah in Brusthöhe auf einem Podest einen schwarzen Plastikmuff, von dem die Mitarbeiterin jetzt die Krempe zurückzog. Da sah ich ein Katzengesicht ohne lange Haare, was mir auf Anhieb gefiel: So sollte eine Katze aussehen! Sie schaute mich mit ihren großen Augen starren wachen Blickes an. Das hielt ich keine Minute aus, dann sagte ich: „Die nehme ich.“ Ich wollte sie noch in Gänze sehen, da bekam ich „lieber nicht“ zur Antwort, das sei problematisch.

Ich ging zurück zum Empfang, und erledigte die Formalitäten zur Übernahme. Sie heißt offiziell Molli, Schnurzel nur bei mir zuhause. Man sagte mir, dass die vorherige Halterin eine Katzenallergie bekommen habe (??). Ihre Identität war im Impfbuch geschwärzt. Außerdem sei sie eine Freilaufkatze. Einen Tragekorb bekam ich geliehen. Zurück in der Katzenabteilung machte die Mitarbeiterin einen schnellen kühnen Griff in den Muff, und schwupps war sie schon im Plastikkorb, ohne dass ich meine Erwerbung hätte in Gänze betrachten können. Im Auto fiel mir auf, dass sie nur recht leise protestierte. Die Fahrt war nicht lang, und zu Hause angekommen machte ich die Klappe auf, und sah wiederum nur den Kopf, den sie herausstreckte. Ich sagte zu ihr: Schau dich schon mal um, ich muss noch schnell weg, um Futter und Katzenstreu zu besorgen. Als ich zurückkam, war die Katze verschwunden. Ich durchsuchte jede Ecke und jeden Winkel ohne Erfolg. Draußen konnte sie nicht sein. Erst viel später erfuhr ich, wo sie sich versteckt hatte: Als ich mit einem Elektriker in den Heizungskeller ging, stürmte sie aus ihrem Versteck hinter der Waschmaschine mit Schläuchen, Kabeln und Leitungen, wo ich sie nie vermutet hätte.

Einen Futternapf stellte ich knapp gefüllt in die Küche, und ein schnell hergerichtetes Katzenklo aus einer Obststeige mit Plastikfolie, gefüllt mit Kalkstreu, an die Heizung im Wohnzimmer. Dann musste ich abwarten. Am nächsten Morgen war der Napf leer, und das Klo befüllt. Ich musste aber noch warten, bis der Hunger sie aus ihrem Versteck trieb. Da konnte ich sie abends zum ersten Mal nach dreißig Stunden in ihrer vollen Schönheit betrachten. Ich dachte gleich, dass es eine Designerkatze sein müsse. Im Tierheim hatte man mir noch gesagt, dass sie sehr scheu und schreckhaft sei. Ich vermied es deshalb auf sie zuzugehen, und setzte mich auf den Teppich vor dem Fernseher, wo sie selber kommen konnte oder nicht. Am nächsten Tag schon überwand sie ihre Scheu, und beschnupperte ihren Ernährer. Sie anfassen durfte ich nicht: ich merkte schnell, dass sie Angst vor Händen hatte. Noch etwas stimmte nicht: Sie wollte auf gar keinen Fall nach draußen in den Garten. Ein Erlebnis musste sie darin bestärkt haben. Als sie bei mir im Schlafzimmer war, schaute eine stramme Katze aus der Nachbarschaft von der Pergola aus durch das Fenster herein. Sie hatte fast die gleiche Fellzeichnung wie Schnurzel bloß in Kurzhaar. Schnurzel wollte ängstlich kneifen, da packte ich sie und setzte sie auf die Fensterbank, wo sich ihr die Haare sträubten. Die Stalkerin sollte sich noch öfter blicken lassen, mein Garten gehörte ja lange zu ihrem Revier, das sie nicht kampflos preisgeben würde. Aber ich will nicht vorgreifen.

Am vierten Tag durfte ich sie bürsten. Das ist für Langhaarkatzen notwendig, da am Hals und an der Backe die Duftdrüsen sitzen, und die Haare dort verfilzen lassen. Da musste ich in der ersten Zeit Bekanntschaft mit ihren Krallen machen, weil ich nach ihrer Ansicht Fehler machte. Das Striegeln ist für sie ein intimer Vorgang, bei dem sie die absolute Kontrolle behalten muss. Ich durfte sie nur am Kopf und am Rücken bürsten, seitlich nicht. Den Grund erfuhr ich erst viel später. Anfassen durfte ich sie nur am Schwanz, ihn durch meine Hand gleiten lassen. Vor Händen hat sie Angst, da war wohl was in der Vergangenheit.

Über die Probleme mit Langhaarkatzen wusste ich damals gar nichts: Langhaarigkeit ist ein Gendefekt. Die Haare wachsen das ganze Jahr über, bis sie ausfallen. Ohne den rezessiven Defekt gibt es einen regulären Fellwechsel zum Sommer und Winter. Die Menge der Haare, die ich mit einer Waschbürste und Schrubber aus den Teppichen holte, war so groß, dass ich schon Haarausfall befürchtete. Da sie sich dauernd leckt, muss sie die Haarwürste, welche sie dabei verschluckt, wieder herauswürgen.

Die Angabe der früheren Halterin bezüglich Freilauf war offensichtlich falsch, aber sie hatte damit ein Problem angesprochen, an dem sie gescheitert war, und die Katze abgeben musste. Ich empfand sie hochgradig verstört und deprimiert.

Wegen des lästigen Katzenklos mit Kalkstreu, das sich in der ganzen Wohnung verteilte, sollte sie bald nach draußen in den Garten. An einem sonnigen Tag im Oktober setzte ich mich in den Garten, und ließ dabei die Tür zum Garten offen. Nach einer Viertelstunde traute sie sich dann tatsächlich heraus. Als erstes kontrollierte sie den Gartenzaun und das Gartentor, wo „Feinde“ eindringen könnten. Als ein Auto hinter dem Zaun vorbeifuhr, stürmte sie in Panik wieder zurück ins Haus. Was gab es da draußen nicht alles an Gräueln: die Müllabfuhr, Regentropfen, Windböen, ein Hubschrauber am Himmel, der ratternde Güterzug weiter weg, später im Winter der Schnee. Mit dem konnte sie sich bald anfreunden, weil ihr „Output“ darin verschwand. Äußerst gewissenhaft sucht sie seitdem nach lockerem Erdreich, in dem sie ihre Notdurft versenken kann. Dann zeigte ich ihr die Katzenklappe, von der sie vorher nichts wissen wollte. Aber solange sie nicht selbständig nach draußen wollte, musste ich mit der Verlagerung des Klos noch warten. Nach zwei Wochen etwa kam sie durch die Klappe nach draußen, und ich konnte das Klo nach draußen bringen. Dort wurde dann bald das Kalkstreu nass, und eingeschleppt zur Heimsuchung in der Wohnung. Vor ihren Augen nahm ich dann ihre Kacke, warf sie auf das Beet, und versenkte das Klo in den Mülleimer. Das hatte sie sofort begriffen, und sie verrichtete hinfort ihre Bedürfnisse ausschließlich in meinem Garten. Da konnte dann kein Nachbar meckern, und die Konzentration von ihrem „Output“ signalisiert anderen Katzen, dass dieses Revier besetzt ist.

 

Das Revier

Noch ließ die Stalkerin nicht locker. Ich hockte abends am Fernseher, da hörte ich im Nebenzimmer einen lauten Knall mit Katzengeschrei. Als ich hinkam, war schon alles vorbei, Schnurzel bewachte die Klappe. Ich ging nach draußen, und sah weit um die Klappe verstreute Tropfen von Pisse und davon eine Spur, die nach draußen führte. Die Stalkerin hatte sich regelrecht verpisst. Eine Katzenklappe hat die Tücke, dass eine Katze nur schlecht wieder rückwärts kann, wenn sie noch nicht durch ist. Schnurzel hatte sich in der Verteidigung des Reviers bewährt. Als die Stalkerin es am nächsten Tag wieder versuchte - einmal ist keinmal - stand schon die Abwehr bereit, und der Versuch war schnell beendet.

Das Kernrevier ist natürlich ihr Haus mit dem Futternapf. Das wird mit allen Mitteln und um jeden Preis verteidigt. Eine Katze, die das nicht schafft, ist nicht mehr überlebensfähig.

Seitdem sie regelmäßig in den Garten musste, war der auch Teil ihres Reviers, wobei sie aber in der Wahl ihrer Mittel auf ihre makellose Schönheit achtete. Als sie die kleine Schwarze des Nachbarn im Garten sah, verlegte sie sich auf die Belagerungstechnik, und schlich sich langsam geduckt heran. Die Schwarze tat dann, als bemerke sie sie nicht, und verschaffte sich einen gemessenen Abgang, der ihre Würde nicht verletzte. Weibliche Katzen scheinen im Gegensatz zu Katern, welche nur als Strolche bei einer Katze zum Zuge kommen können, ein ausgesprochenes Ehrbewusstsein zu haben.

Ich hatte eine Katzentreppe zum Dach gebaut, aber dort wollte Schnurzel auf keinen Fall hin. Sie hat kein Bedürfnis nach höher hinaus. Die kleine Schwarze aber wusste sie zu nutzen, und stieg mir aufs Flachdach. In einer dunklen Nacht machte Schnurzel draußen Alarm. Ich sah hoch, und sah einen Schatten über mir. Als ich mit der Taschenlampe hoch leuchtete, sah ich zwei funkelnde Augen. Es sah gespenstig aus. Mir wurde klar, warum die schwarzen Katzen früher als teuflische Wesen angesehen wurden. Es war das einzige Mal, dass ich sie verscheuchte. Ansonsten mische ich mich nur in Auseinandersetzungen ein, wenn Kloppereien drohen.

Ein Revier minderen Ranges wurde der Bereich vor der Haustür. Da ging sie harten Auseinandersetzungen lieber aus dem Weg. Lediglich im Eingangsbereich blieb sie sitzen. Die kleine Schwarze, die dort bei offener Tür zwei Mal ins Haus eindringen wollte, musste schreiend wieder flüchten. Im Kernbereich (Standort des Futternapfs) hört ihre sonstige Friedfertigkeit sofort auf.

 

Die Rasse

Nach anderthalb Monaten rief mich eine Mitarbeiterin des Tierheims an, und wollte sich zum Kontrollbesuch anmelden, der Teil des Abgabevertrags ist. Ich bat sie um Infos über Krankheiten. Sie äußerte sich zufrieden über die Haltungsbedingungen, und schenkte mir ein Katzenbuch. Dort fand ich dann meine Katze wieder: Es handelt sich um eine Maine Coon.

Die Maine Coon ist eine Modekatze, deshalb ist eine bei mir eingetrudelt. Es gibt eine Maine-Coon-Gesellschaft, die sich das Namenspatent gesichert hat. Der Name prangt auf einer Packung Premium-Trockenfutter, welches meine verschmäht. Die Gesellschaft hat zur Erforschung der Abstammung eine Untersuchungskommission gegründet, die so bald nicht zu einem endgültigen Ergebnis kommen wird, um ihre eigene Existenz nicht zu gefährden. Die wahrscheinlichste Chronologie ist folgende:

Französische Bauern, die nach dem heutigen Bundesstaat Maine in den USA, damals französisch besiedelt, auswanderten nahmen ihre Katzen mit auf das Schiff, wo sie wegen der Ratten- und Mäuseplage hoch willkommen waren. Die Auswanderer ließen sich als Farmer in der kalten nördlichen Kolonie nieder. Als typische Bauernkatze, gescheckt und getigert, wie sie meiner Nachbarskatze (der Stalkerin) als Kurzhaarkatze auch farblich ähnelt, hielten sie die Emigranten als Wächterin ihrer Getreidevorräte. Eine Mutation schuf eine Langhaarversion, welche wohl zuerst ein Farmer, als in dem kalten Klima besonders geeignet, bei dem Nachwuchs durch Auswahl begünstigte. So vermehrte sie sich, und wurde durch unbewusste Rückzüchtung zu einer Rassekatze, vor etwa hundert Jahren dann zu einer modischen Hauskatze in verschiedenen farblichen Varianten gezüchtet. Über ihr Wesen heißt es in einem Katzenbuch (meine Katze/Unipart):

Als freundliche, anhängliche Katze ist die Maine Coon ein lieber Hausgenosse, solange man sie nicht in einer Wohnung einsperrt, sondern ihr viel Freiraum im Haushof oder -garten lässt. Sie entwickelt oft eine Vorliebe für merkwürdige Fluchtwinkel, in denen sie sich dann in unbequemen Körperhaltungen zum Schlafen legt. Man weist ihre Abstammung robusten Farmkatzen zu. Noch etwas unterscheidet die Maine Coon von anderen Katzen: Sie äußert sich in angenehm leisen, zirpenden Lauten. Hier wird geschildert, was mir vom ersten Tag an auffiel.

 

 

 Es war nun an der Zeit, mich mit Herkunft und der früheren Halterin zu beschäftigen. Im Abgabevertrag war sie bloß eine Langhaarkatze, weil die Maine-Coon-Gesellschaft sich die Namensrechte gesichert hat, und nur lizensierte Züchter ihre Katzen unter diesem Namen verkaufen dürfen. Ein Züchter war in dem Impfbuch nicht angegeben, und die frühere Halterin war geschwärzt. Es hatte sich also um einen illegalen Verkauf mit Steuerhinterziehung gehandelt. Ein verantwortungsvoller Züchter hätte der Frau von einer Haltung in einer Etagenwohnung abraten müssen. So hat er ihr, die sich in das schnuckelige Kätzchen verliebt hatte, im Wissen, dass sie als Halterin ungeeignet war, dieses aufgeschwatzt. Das sollte sich rächen. Die vorherige Tierarztpraxis war laut Impfbuch in Pforzheim, abgegeben wurde sie in Vaihingen/Enz, ca. 40 km entfernt. Das lässt auf harte Konflikte schließen. Die Allergie war wohl nur ein Vorwand.

Ein weiteres Problem stellte sich nach 4 Monaten heraus: Sie würgte alles Essen wieder heraus, und konnte nichts mehr fressen. Sie machte dabei einen kläglichen Eindruck. Eine Röntgen-Aufnahme ergab keinen Befund. Das Problem lag im Magen: Dort hatte sich ein schädliches Bakterium eingenistet, welches auf Dauer die Verdauung lahmlegt. Es ist nicht durch Antibiotika zu besiegen, da es sich in der Wandung verkriecht. Dagegen hilft nur eine Depotspritze Cefovezin. Die brauchte sie nun alle paar Monate, mit der Zeit in immer kürzeren Abständen. Die vormalige Halterin hatte gelogen, als sie bei der Abgabe die Katze für gesund erklärte. Das passende Medikament erfuhr meine Tierärztin durch Anruf bei der Tierarztpraxis in Pforzheim, wo sie früher geimpft wurde. 

 

                                                                       Der Futternapf  

 

Wenn Schnurzel etwas will, dann frage ich sie: Wohin soll´s denn gehen? Wenn der Futternapf aufgefüllt werden soll, dann bewegt sich sich zierend in Umwegen in die Richtung, dabei an Türen und Türpfosten mit der Backe reibend, den Schwanz aufgereckt. Bloß nicht gierig erscheinen!

Obwohl die Katze bei mir an Gewicht deutlich zugenommen hat, (maximal 5 Kilo 2016), ist bei ihr die Nahrungsverweigerung eine Angelegenheit, die wahrscheinlich meine Vorgängerin zur Verzweiflung getrieben hat, und bei mir dazu führte, dass ich schon oft an der Grenze zur Rückgabe stand. Ihr Fressverhalten war und ist zu chaotisch: Huhn, Kaninchen und Wild sind schon lange ausgeschieden, andere Alu-, Dosen- und Beutelmäuse sind zeitweise hoch begehrt, bis sie unvermutet der Verdammnis anheimfallen. Die Auswahl wird so immer kleiner, sodass die Abwechslung immer spärlicher wird, was dann wiederum ihre Abneigung verstärkt. Auch das hochpreisige Segment kann daran nichts ändern. Nach kurzer Zeit geht es hiermit genauso weiter. Ich habe den Eindruck, dass das aus Langeweile geschieht, um mich alle halbe Stunde an den Futternapf zu zitieren. Ihr Machtmittel ist der Belagerungszustand. Dem mich zu entziehen ist schwierig, wenn ich zuhause bin. Mit den Mitteln der Diplomatie, den Kompromissen, kam ich mal weiter, dann wieder nicht. Wenn ich gar nicht mehr weiß, was ich noch kaufen soll, ist die Zeit gekommen, sie nicht zu beachten, jeden Augenkontakt zu vermeiden, sie nicht zu bürsten, und sie bei vollem Napf hungern zu lassen, bis der Fraß nicht mehr genießbar ist. Das hielt ich lange Zeit nur einen Tag durch, bis ich dann doch ernsthafte Konsequenzen ziehen musste: Einen Hungestreik bei Premium-Futter hielten sie und ich 3 Tage lang durch, später noch einmal 2 Tage (weil einmal keinmal ist). Das hatte sie so beeindruckt, das sie jetzt wenigstens ein schlechtes Gewissen hat, und die nach ihrer Ansicht zweite Wahl akzeptiert. Schnurzel hat mir verdeutlicht, was für ein Elend die Schnäkerei und Feinschmeckerei ist. Es ist der Königsweg zum unglücklich sein. Wenn sie wieder nicht essen will, darf ich raten, ob sie die Spritze braucht, oder erst einen Haarballen auswürgen muss, oder ob das Angebot in Ungnade gefallen ist. Schnurzels Schicksal bei mir wird sich am Futternapf entscheiden. Ich kann nur hoffen, dass sie dem Feinschmeckertod entrinnt.

 

 

Die Nachtspaziergänge

Nachtspaziergänge waren schon immer eine Spezialität von mir gewesen, sei es in der Stadt, oder vor allem auf dem Land. Aus dem Grundstück traute sich anfangs Schnurzel nicht hinaus. Sie war ja wie auf einem anderen Planeten gelandet, und war durchaus interessiert, die Welt draußen kennenzulernen. Das war aber zuerst ein großes Abenteuer. Nur mit mir als Führer und Beschützer, oder besser gesagt als zweiter Mutter, die ihr die große weite Welt im Umkreis von 500 Metern zeigen sollte, traute sie sich hinaus, und zwar nur nachts, wenn es am wenigsten Feinde gibt. Die ersten Versuche endeten allerdings kläglich: Ein Spätheimkehrer, ein Radfahrer, die Scheinwerfer eines nahenden Autos, ein bellender Hund an der Leine waren der Anlass, sich in Panik wieder hinter den Zaun zu flüchten. Deshalb ging ich mit ihr im ersten Frühjahr nur in der Zeit nach 11 Uhr bis Mitternacht hinaus, die Zeit, in der die Straßen hier in der Schlafsiedlung den Katzen gehören. Eine Taschenlampe hatte ich immer als Waffe dabei. Meistens reichte es, eine fremde Katze damit kurz zu blenden, damit sie sich beobachtet fühlte. Anfangs ging es bloß darum, möglichst schnell aus der Siedlung hinaus zu kommen

Die ersten größeren Ausflüge jenseits der Siedlung in die Obstwiesen waren die weitesten. Unvergesslich war das Abenteuer am Waldesrand, wo ich mich auf eine Bank setzte. Schnurzel wollte wissen, was ein Wald ist, und schnupperte einen Weg in den Wald hinein. Da hörte ich ein plötzliches lautes Röhren KRRÄOU eines Hirsches, der sich gestört fühlte. Das war das letzte Mal, dass Schnurzel sich in den Wald traute. Auch der Ausflug an den Bach weckte nicht ihr Interesse. Die Wiesen schieden auch aus, als das Gras so hochwuchs, dass sie in großen hohen Sprüngen hindurchpreschte, ohne sich um etwaige Mäuse zu kümmern. Auch die Obstgärten am Rand der Siedlung waren nur von mäßigem Interesse. Es blieben noch die Straßen, Gärten und Vorgärten der Siedlung. Hier machte sie im Bereich der Haustüren die Lichter an, was sie weiter nicht beachtete. Hier gab es viel zu schnuppern. So sehr sie fahrende Autos fürchtete, stehend waren sie in der Höhe der Stoßstangen und an den Reifen voll von Nachrichten, vor allem von anderen Katzen. Gelegentlich ließen diese sich auch blicken, um ihr Revier zu verteidigen, einmal so rabiat, dass ich sie aus nächster Nähe mit Taschenlampe und lautem KSCH--- scheuchen musste.

Einmal fürchtete ich schon Schlimmes, als sie in den Garten an einer Straßenecke eindrang, und ich an der Kreuzung sah, wie zwei Katzen sich bei meinem Anblick ebenfalls in den gleichen Garten flüchteten. Ich wartete eine Weile, wie die Situation sich entwickeln würde, aber es passierte nichts. Schließlich ging ich weiter, drehte mich dann um, und sah, wie Schnurzel gemächlich auf mich zu trottete, von einer der Katzen mit Abstand verfolgt. Mit ihrer Sitzpose, wobei sich die langen Haare birnenförmig spreizen, wird sie ihre Feinde beeindruckt haben. Ihre größte Schwäche waren und sind die überraschenden Überfälle, während sie sich arglos in die fremden Gerüche vertieft. Dann brauchte sie mich.

Die nähere Umgebung in Koniferanien, wie ich die Siedlung nannte, genauer zu erkunden, hatte ich mich bislang gescheut. Das änderte sich mit Schnurzel. Sie wollte erst die weitere, dann die nähere Umgebung genauestens erschnuppern. In jeden erreichbaren Garten drang sie ein, während ich derweil draußen „herumlungern“ musste. Gelegentlich fiel das einem Spätheimkehrer auf, der mich mit dem Biedermeierspruch ansprach: Kann ich Ihnen helfen? Meine beste Antwort darauf war: Mir ist nicht zu helfen.

Nachts macht sich in der Siedlung jeder verdächtig, der ohne erkennbares Ziel auf der Straße weilt, und wie ich auch noch seltsame gymnastische Übungen verrichtet. Je prachtvoller die Villen sind, umso mehr grassiert die Paranoia und die Furcht vor Einbrechern. Dabei hat kein Einbrecher Lust, den Bewohnern in der Schlafsiedlung zu begegnen. Je seltener sich jemand hier nachts noch blicken lässt, umso größer die Furcht (ist wie bei den Flüchtlingen). Als Beispiel möchte ich eine Begegnung schildern:

Diesmal bog sie in den Schwalbenweg ein, wo sie gleich am ersten Vorgarten viel Erschnuppernswertes entdeckte, und wo ausnahmsweise kein Licht anging. Ich war schon etwas weitergegangen und harrte unter der Straßenlampe aus. Da öffnete sich im Dunklen ganz vorsichtig die Haustür, und eine ältere Frau wurde als Schemen sichtbar, sah nur mich unter der Laterne, wie ich sie anstarrte, und zog sich wieder zurück. Schnurzel duckte sich am Boden und rührte sich nicht. Die Tür öffnete sich ein zweites Mal, ich stand immer noch genauso da wie ein steinerner Gast, die Katze zwischen uns. Dann öffnete sich die Tür ein drittes Mal, und der Ehemann kam heraus und sah die unveränderte Szene. Dann war die Haustür wieder zu. Mir war inzwischen die Situation zu makaber, ging an Schnurzel vorbei wieder ein Stück zurück und wartete, dass sie nachkommt. Aber sie rührte sich nicht, Eigensicherung geht vor. Und ihre Vorsicht erwies sich als begründet: Die Tür ging noch einmal auf, und beide älteren Bewohner traten heraus. Er fragte mich dann, was ich denn hier zu suchen hätte. „Ich darf meine Katze begleiten“, tönte ich. Da erst entdeckte die Frau die Katze, die sich noch immer duckte, und sagte: „Ach so! “. Beide bemühten sich um einen schnellen Abgang. Da schob ich noch schneller hinterher: „Lassen Sie sich von der Alarmanlage nicht verrückt machen!“.

 

Mit den Jahren ließ ihr Erkundungseifer nach, wie auch meine mir mögliche Gehstrecke. Wenn sie nicht weitergehen wollte, setzte sie sich einfach hin, und wartete, dass ich zurückkäme. Dafür intensivierte sie ihre Nachforschungen in den umliegenden Gärten, wohin ich ihr nicht folgen darf.

Wozu auch in die Ferne schweifen, wenn der Futternapf so nah ist. Mäuse zu jagen hatte sie nie gelernt, und Vögel konnte sie nur in der halbverglasten Pergola drangsalieren. Was Kätzchen nicht lernt, lernt Katz nimmermehr. Anfangs folgte sie mir, jetzt (2018) bestimmte sie, wohin es gehen sollte. Das hatte den Vorteil, dass ich jetzt ihr Verhalten, von mir unbeeinflusst, studieren konnte.

 

Ein Ausgang: Zunächst gilt es, die allgemeine Lage bei der Türöffnung zu prüfen. Ausschließungskriterien sind natürlich Regen, Wind (keine Gerüche), zu viel Aktion in der Nachbarschaft, laute Rollläden. Dann erst einmal rausgehen und hinsetzen. Kein Wedeln mit dem Schwanz: keine Lust, und bald wieder rein. Wedeln: bin am überlegen, wohin es gehen soll. Einen Entschluss gefasst: zielstrebig im Untersuchungsmodus (Schwanz in U-Form), ohne Wedeln auf das Ziel zusteuern. Bei weitem Weg wird immer einen Zwischenstopp zur Eigensicherung eingelegt. Ziel (Katzenduftmarken) erreicht: Interesse zeigt sich durch Wedeln. Vor allem die Kotflügel und Stoßstangen sind offenbar die Nachrichtenbörsen. Dabei immer Vorsicht: unter den PKWs könnten sich Feinde verstecken. Dann weiter zur nächsten Geruchsstation. Unerwartete Störung (Auto in Anfahrt, Hunde, andere Katze): wenn im Sprintbereich, sofort zurück zum Gartentor; wenn weiter weg, verstecken, bis keine Gefahr mehr droht. Bei einem Überraschungsangriff einer anderen Katze: zuerst in Panik flüchten, dann stoppen und die Breitseite zeigen, in Verteidigungs-stellung gehen. Das mindert die Angriffslust der Verfolgerin. Dann kann ich nachkommen, und die Auseinandersetzung verhindern.

 

In ihrem vierzehnten Lebensjahr gab sie mir zu verstehen, dass sie mich in meiner Funktion als Beschützer nicht mehr brauche, und verkroch sich in einen Nachbargarten, bis ich verschwunden war. Endlich war sie erwachsen geworden, was ja auch meine Zielvorstellung war. Bloß ihr Unternehmungseifer hatte nachgelassen, sodass sie mich nur noch als Impulsgeber braucht, der das Aufbruchssignal gibt. Dann darf ich ihr noch eine Weile folgen oder vorangehen, und mich dann verdrücken. Ihr Interesse gilt nur noch der engeren Nachbarschaft, wo sie die neueste Katzenpost erschnuppert, um auf dem Laufenden zu bleiben. Sie ist jetzt zu 90% Hauskatze geworden, was sie in ihrer Jugendzeit auch war.

 

Kuscheln

 

Wenn ich brav war, oder sie in der Stimmung ist, kommt sie zu mir auf eine Liege, und legt sich immer in meine linke Achsel, sodass ich meinen Arm um sie legen kann. Streicheln soll ich sie nur ganz leicht. Dann schnurrt sie eine Weile, macht aber nach etwa 5 Minuten einen plötzlichen Abgang in dem Stil: Das reicht jetzt als Zuwendung!

Neulich hat sie mir eine Zecke am linken Arm eingeschleppt, woraus sich eine Wanderröte (Borreliose) entwickelte. Kann vorkommen!

 

Spielen

 

Da sie bei Erhalt schon in fortgeschrittenem Alter war, war ihr Spieltrieb nicht übermäßig. Anfangs verknotete ich eine Leine an einem Ende zu einem „Mäuschen“, das ich auf dem Teppich tanzen ließ. Da konnte sie ihre Aggressivität, schnelle Reaktion und Geschicklichkeit zeigen, und sich in die Maus verbeißen. Mit der Zeit merkte sie aber, dass sie nur selten zum Erfolg kam, und machte dann einen frustrierten Abgang. Jetzt jagte das Mäuschen die Katze. Damit jage ich sie auch durch die Katzenklappe aus dem Haus, wenn sie „der Hafer sticht“. Aber hinter Glas, das bis nah an den Boden reicht, konnte das Beutespiel in simulierter Form ohne Sieger und Besiegte weitergehen.

Als ich ins Krankenhaus musste, übernahm eine Liebhaberin vor Ort die Versorgung der Katze, und schenkte mir das mitgebrachte „Vögelein an der Angel“, was sie zu enormer Begeisterung hinriss. Sie verkroch sich unter einen Stuhl, und unternahm von dort Ausfälle auf das Federbüschel, das ich oft nur wenig bewegte, um sie auch lauern zu lassen. Da feierte sie große Erfolge mit explosiver Aggressivität. Es kam aber der Tag, als sie im Alter von 14 Jahren plötzlich mitten im exaltierten Spiel die Flucht ergriff, als wollte sie mir sagen: Dafür bin ich jetzt zu alt, das Vögelchenspiel ist abgemeldet. Es überkommt sie jetzt nur noch gelegentlich als kürzere Reminiszenz.

Sie hat auch einen Lieblingsgrusel: Sie geht runter in den dunklen Keller, und ich lasse einzelne oder mehrere Tischtennisbälle die gewundene Kellertreppe herunterhüpfen, wo sie dann unten auf abgestellten Gerätschaften Lärm machen oder leise herumkollern. (Höre "Schnurzels Lieblingsgrusel" unter akustisches Ambiente)

 

Das Verhalten

 

Anfangs prüfte sie, ob auch die Verbote ihrer früheren Halterin betreffend auf den Tisch steigen, oder in der Küche auf den Arbeitsbereich, auch bei mir gälten. Das erledigte sich mit dem bewährten Zischlaut. Das Rupfen an Gardinen ließ sie bleiben, nachdem sie hilflos an einer auf Zehenspitzen gestreckt hing, und sich nicht befreien konnte. Das musste ich dann tun. Was sie aber nicht bleiben lassen kann, ist die Rupferei an den Teppichen: Vor allem mein dicker Berberteppich hat es ihr angetan. Wenn ich dabei bin, ist es verboten; wenn ich fehle, ist es erlaubt. Mit vorsichtigem Gerupfe direkt vor mir teilt sie mir mahnend mit, dass sie etwas will. Meistens soll ich zum halb abgefressenen Futternapf. Manchmal wird sie penetrant, und schleicht sich aggressiv gestreckt an mich heran, als wäre ich ein Mauseloch, aus dem die Maus gerade herausschaut. Dann schiebe ich sie einfach verärgert beiseite. Wenn ich vespere, springt sie auf die Bank, und reibt ihr Kinn an der Tischkante. Sie erwartet dann ein Leckerle, zum Beispiel ein Stück Thunfisch, Putenbrust oder Schweinebraten, sogar Salami. Ihre piepsige Stimme setzt sie nur ein, wenn der Futternapf leer ist.

Weil ich niemals grob mit ihr umgegangen bin, hat sie auch darauf verzichtet. Sie weiß, was sich gehört, und dass sie nur geduldig eine Zeitlang abwarten und mich anstarren muss, bis ich ihr zu Willen bin. Ihre Krallen setzt sie nur zum sanften Zupfen ein. Ich habe strikt darauf geachtet, dass die Beziehung nicht verroht, und ich sie zu nichts zwinge.

 

Die Ruhe

 

Es ist bekannt, dass Wildkatzen regelmäßig ihr Nest und den Ruheplatz wechseln, um sich nicht durch intensiven Geruch auffindbar zu machen. Das schützt den Nachwuchs, andererseits markiert sie dadurch auch ihr Revier. Das hat sich auch bei den Hauskatzen wie bei Schnurzel erhalten. Sie wechselt dabei auch ständig ihre Position und das Zimmer. Wir besitzen, die Katze beliegt. Damit ist mein Haus auch das ihrige. Mir fällt auf, dass sie sich nie auf freier Fläche niederlegt, sondern sich auf erhabener Position, oder an einer Begrenzung, oder an Gegenständen niederlässt, und dabei stets wachsam bleibt.

 

 

Schnurzels Schnarchen

Im Tiefschlaf fängt sie manchmal an zu "schnurzeln". Es handelt sich dabei um Nasenlaute beim Einatmen ähnlich dem menschli-chen Geschnarche, bloß in höherer Tonlage. Sie sind sehr leise, und damit ein Problem für die Tonaufnahme, zumal sich Schnurzel dabei einrollt.  Allzu nah kann ich mit dem kleinen Roland nicht heran, da sie bei der geringsten Veränderung in ihrer Nähe sofort aufmerksam wird.

 

Schnurzelei entrauscht.mp3
MP3-Audiodatei [4.2 MB]

 

Die Körperpflege

 

Wenn Schnurzel nicht weiß, was sie tun soll, widmet sie sich der Fellpflege, oftmals auch als Übersprunghandlung in einer Stress-situation. Ich bin als Partner auch in ihre Fellpflege einbezogen, was bei einer Langhaarkatze ein Muss ist. Wenn ich auf dem Teppich sitze, die Beine auseinander stelle und die Bürste in die Hand nehme, ist das für sie das Signal, auf das sie schon gewartet hat, und das sie auch morgens und abends einfordert. Beim Bürsten muss ich streng auf ihre Kopfhaltung achten, mit der sie mir anzeigt, ob ich rechts oder links weitermachen soll. Am Hals, wo sich ihre Haare stauen, muss ich kräftig mit einer harten Waschbürste loslegen. Ich hatte sie schon 5 Jahre lang, da stellte die Tierärztin fest, dass ihre Haare seitlich verfilzt waren. Das hatte ich noch nicht bemerkt, da ich sie nicht streicheln durfte. Die Ärztin griff zum Haarschneider, und rasierte die betroffenen Fellpartien kahl. Ihre Schönheit war damit zuerst einmal hin, aber die wächst nach, und im Sommer hat das auch keine gesundheitliche Folgen. Seither darf ich sie auch seitlich bürsten, und sie kann sich bei ihrer Haarpflege auf ihre weißen Partien an der Unterseite beschränken, welche sie auch mit den Zähnen durchkämmt, und muss dann weniger Haarwürste herauswürgen. Dieses strahlende Weiß ist in meiner Wohnung einmalig. Sie passt ansonsten farblich perfekt in ihr und mein Heim. Da sie nicht viel anderes zu tun hat, ist die Körperpflege ihre wichtigste Tätigkeit als Prinzessin.

 

 

Die Exkremente

 


Im Gegensatz zu Erbrochenem, das sie herauswürgt, wo sie gerade ist, auch auf den Teppich, sucht sie die Stelle, auf die sie ihren rektalen Drang loswerden will, peinlich genau aus. Sie verteilt ihre Kacke und Pisse im ganzen Garten, wo die Erde locker genug ist, um sie zu verscharren. Das macht sie aber nicht gründlich, sodass die Duftmarken so konzentriert sind, dass es eindringenden Katzen den Atem verschlägt (ich rieche davon nichts), und sie lieber draußen bleiben. Das Gartenrevier verteidigt sich so selbst, und ich muss weniger düngen.

 

Zum Tierarzt

 

Der Transport zum Tierarzt war anfangs eine besondere Herausforderung, und ist es weniger auch heute noch. Ich muss sie überraschend mit Handschuhen packen, was ich sonst nie mache. Sie krallt sich dann an dem fest, was sie greifen kann, dann aber loslassen muss. Der Korb steht schon in der Nähe, und ich befördere sie dann mit Schwung hinein, Gitter zu. Sie weiß ja schon wohin es geht, erhebt zwar Protest, weil sie die Freiheitsberaubung nicht hinnehmen will, aber im Korb fühlt sie sich sicher, und will dann nicht mehr hinaus. Während der Fahrt kommt dann noch einmal eine Missbilligung, aber dann ist Ruhe. Im Wartezimmer gibt sie dann keinen Laut von sich, und beobachtet, was sich tut. In der Praxis muss sie eine Helferin aus dem Korb kippen, weil es nicht anders geht. Der Arzt und die Helferin machen dann, was ich nicht darf. Hat sie ihre Spritze bekommen, verkriecht sie sich schnellstens wieder in den Korb, und will erst vor meinem Haus wieder hinaus.

 

Die Verständigung

 

Selbstverständlich rede ich auch mit meiner Katze wie zu einem Menschen, weil dann meine Stimme unverstellt rüberkommt. Außer den zwei Pfeiftönen eine Quart abwärts, die ich als Lockruf benutze, auf den sie eingeht oder nicht, versteht sie natürlich kein Wort, aber der Klang meiner Stimme sagt ihr, was gemeint ist. Wenn ich in der Küche keine Drangsal wünsche, sage ich energisch RAUS. Das versteht sie auch. Zu oft laut schimpfen verbraucht sich. Eine wortlose Abwendung ist oft wirkungsvoller, vor allem, wenn bei Kontrolle der Futternapf erst halb abgefressen ist. Im intimen Kontakt brumme ich, was ihrem Schnurren am nächsten kommt, und Intimität herstellt. Wenn sie etwas fressen will, streicht sie mit der Backe an meinen Beinen oder Tisch- und Stuhlbeinen. 

Für mich war es von Interesse, wie sie auf mein Klangschalenspiel reagiert. Beim ersten Mal spielte ich auf meiner "Jammerschale", auf der ich vier Töne hervorbringen kann. Von den hohen Tönen, vor allem dem "Pfeifer" war sie genervt, und präsentierte mir in Querstellung einen Katzenbuckel. Das blieb einmalig. Wenn ich dagegen tiefe Töne hervorlockte, legte sie sich neben mich, und schien die Klänge zu genießen.

 

Ausblick

 

Mittlerweile hat sie das Seniorenalter von bald 16 Jahren erreicht, und der Spieltrieb überkommt sie seltener und kürzer, aber immer noch sehr eindrucksvoll. Mittlerweile darf ich sie sogar streicheln, und seitlich bürsten, seitdem die Tierärztin dort die verfilzten Haare weggeschert hat. Sie zeigt am linken Vorderlauf Anzeichen einer Arthrose, die sich durch einen staksigen Gang, der sich als würdevolles Schreiten anschaut, bemerkbar macht. Die regelmäßigen Cortison-Spritzen, die sie für ihren Magen bekommt, wirken aber auch hier lindernd.

Sie bringt mich immer wieder durch ihre unnachahmliche Art sich zu präsentieren und posieren zum Lachen. Freuen tut es mich, wenn sie ohne etwas zu wollen mir Gesellschaft leistet.

 

 

Weitere Bilder

 

     Schnurzel als Hüterin der Klappe                      die Tabuzone                                                Ausschau   

 

 

                                     Die Krise und Ableben

 

Gegen Ende des Jahres 2020 kam es dann zum großen Knatsch, bei dem ihr weiteres Schicksal bei mir auf der Kippe stand. Die Schnäkerei wurde unerträglich, und die mögliche Auswahl bei der Edeka immer schmaler. Es blieb zuletzt nur noch Pute und Rind übrig, aber auch da wurde die Auswahl immer kleiner. Dabei fraß sie gelegendlich am Tisch auch Schweine- und Rinderbraten sowie Putenbrust für Menschen konfektioniert. 

Vereinzelt hatte ich schon Kothaufen im Keller und in der Wohnung entdeckt, aber sie waren schon zu vertrocknet, um sie als Corpus delicti für einen Vorwurf zu verwenden. Aber dann spitzte sich die Situation zu, als sie in einer Ecke auf den Teppich pisste und kackte, zuerst heimlich, aber dann ließ sie mich sogar dabei zuschauen. Ich wertete die Eskalation als Racheakt, packte sie, sperrte sie sechs  Stunden lang raus in den Garten und verriegelte die Klappe (das erste Mal seit acht Jahren). Hinterher gab es aber keine Besserung, und ich musste wieder feststellen, dass Katzen außerordentlich hartnäckig sind. Als sie dann wieder auf den Teppich pisste, beförderte ich sie in den Keller, wo ich schon ein provisorisches Katzenklo deponiert hatte, und plazierte Futternapf und Wasser auf die Kellertreppe. Dort ließ ich sie dann 24 Stunden lang schmoren. Aber das Problem war damit noch nicht gelöst. Am übernächsten Tag musste sie zur Tierärztin wegen der Jahresspritze (Katzenschnupfen). Ich klagte ihr mein Leid, und sie meinte, dass sie nun recht alt und womöglich debil sei. Sie lege jetzt im Alter und bei der Winterkälte und -witterung Wert auf ein Katzenklo im Haus. Das konnte ich einsehen, und richtete ein neues permanent im Keller ein. Das hat sie sofort akzeptiert, und sie erwies sich darauf am Futternapf konzilianter, auch wenn die Schnäkerei noch nicht beendet war. Aber da konnte und musste ich jetzt hart bleiben, da die Auswahl sehr klein geworden war. Das Katzenklo in Haus war ihr wichtigster Wunsch, und meine Einschätzung ihres Verhaltens als Racheakt für das miserable Premiumfutter war daneben gedacht. Ihre kurzen Ausflüge nach draußen beschränkten sich auf die nähere Umgebung, und ich gewann den Eindruck, dass sie jetzt wieder zu den Verhältnissen in ihrer Jugendzeit als Etagenkatze zurückkehren wollte. Katzen sind ausgesprochen durchsetzungsstark, wenn es um vitale Interessen geht, und sie pokern hart, dabei ihre Existenz aufs Spiel setzend (siehe auch das Verhalten der Perdita im Anschluss).                                       

Es mehrten sich nun die Anzeichen des gesundheitlichen Verfalls. Immer häufiger musste ich Magensaft ohne Speisereste auf den Steinplatten feststellen, auch hörte ich sie gelegendlich kurze Zeit schreien. Das konnte ihr nur leise gelingen, sodass ich zunächst dachte, es käme von draußen. Auch lehnte sie weiter ihre ehemaligen Favoriten im Futternapf ab, sodass bis zuletzt kaum noch etwas übrig blieb, was ihr noch munden wollte. Es gab jetzt fast täglich Knatsch, der mich an ein altes zoffendes Ehepaar denken ließ, dem nichts anderes mehr als kleinliche Rumstreiterei einfällt. Gewöhnlich musste ich sie alle 2 Monate zur antibiotischer Spritze bringen, aber nun musste ich eher hin. Dabei wog ich sie auf der Waage der Praxis: Sie hatte von maximal 5 Kilo auf 3,8 abgenommen. Da sie kaum noch etwas aß, aber viel trank, was sie früher nicht tat, meldete ich sie eine Woche später zur Untersuchung an. Von der molligen Molly, die ich übernommen hatte, waren nur noch 3,5 Kilo übrig geblieben. Die Ärztin schlug eine Blutuntersuchung vor, auf die ich bloß 20 Minuten warten musste. 

                                        

 

Die Untersuchung zeigte die erhöhten Werte für Niere und Leber. Auch die übrigen Werte waren bedenklich. Ich fragte die Ärztin, was man da noch machen könne. Sie sagte einschläfern. Das kam für mich überraschend plötzlich und unerwartet, da ich immer noch von Schnäkerei ausging. Die Ärztin gab ihr eine Aufbauspritze, und versorgte sie mit einem Tropf, da sie bereits merklich dehydriert war. Dann machte sie einen Termin für zwei Tage später aus. Jetzt wurde mir klar, was das bedeuten sollte: Sie war nicht mehr zu retten, und ich hatte nur noch zwei Tage, um mich von ihr zu verabschie-den. 

Es blieben mir nur noch diese beiden Tage, um mich mit ihr zu versöhnen. Von diesem Befund hatte ich ja keine Ahnung. Ich machte mir Vorwürfe, dass ich ihr Verhalten in den letzten Jahren falsch eingeschätzt hatte. Die letzten Monate waren ausgesprochen stressig und unerfreulich gewesen. Aber wenn ich der wahren Situation früher auf die Spur gekommen wäre, hätte das bloß ihr Leben verkürzt. Aber wir konnten jetzt Versöhnung feiern. Sie bekam in den letzten beiden Tagen nur noch meinen Vorrat an Schleck-Snaks, die sie mochteSie war in ihrer letzten Zeit viel zutraulicher geworden, und ich durfte sie streicheln und am Hals kraulen, was früher verboten war. Sie hatte ihren neuen Lieblingsplatz bei mir gefunden: auf der Liege bei mir auf dem Bauch und Brust liegend. Dort blieb sie jetzt eine halbe Stunde lang, was früher nicht vorgekommen war. Sie konnte sich jetzt als Siegerin fühlen, und sah mich seltsam an, als ob sie bemerkte, dass mir die Tränen liefen.

Am 1. Juli sollte sich ihr Schicksal erfüllen. Die Tierärztin fragte mich noch zweimal, ob sie jetzt wirklich die erlösende Spritze geben, oder ihr Leben noch etwas verlängern solle. Es gab ja keine Rettung, und so wollte ich das Elend für uns beide nicht weiter in die Länge ziehen. Besser würde auch der Abschied nicht mehr gelingen. Sie bekam zunächst eine Narkosespritze, dann die letale. Ich bekam sie dann auf meinen Schoß, wo sie noch nie gewesen war. Ich konnte sie noch streicheln, während sie immer schlapper und kälter wurde. Dann gab ich sie ab für das Krematorium. Weiteren sentimentalen Klimbim wollte ich nicht. 

Sie hatte immerhin ein Alter von fast 17 Jahren erreicht, davon 8 1/2 Jahre bei mir.

 

                        Schnurzel am Vortag ihres Hinscheidens

 

 

Perdita oder der Entzug des Gewohnten

 

Katzen sind viel mehr als Kater auf Verlässlichkeit der Gewohnheiten eingestellt. Diese wurden sowohl bei Schnurzel, wie auch in dem folgenden Fall, den ich dem SPIEGEL entnommen habe, umständehalber zerstört. Hier habe ich das journalistische Drum-herum weggelassen, und mich auf das Schicksal der Katze Perdita (die „Verlorene“) beschränkt.

 

 

Was hatte sie in ihrem bisherigen Leben? Sie kam aus einer Welt der Stille, der Geräusche, Gerüche, Jagdobjekte. Sie hatte ein Haus für den Unterschlupf, ein riesiges Waldrevier ganz für sich allein, eine liebevolle Bezugsperson und eine geregelte Versor-gung. Das fiel alles weg, und sie wurde interniert. Das hat sie ohne Auffälligkeiten hingenommen und eingesehen, wie auch die Einzelhaft in der Quarantäne. Erst als sie in Gruppenhaft kam, bei der Vermittlungsschau, um sich herum ein verwirrendes Gewusel, kein Revier und keine Bezugsperson, drehte sie durch, und entwickelte sich als Berserker zum Schrecken des Tierheims. Es gibt viele Menschen, die im Knast schlimmer reagieren.

 

Schnurzel, auch eine verwöhnte Katze, aber in ungeeigneter Haltung, die ihre Besitzerin zur Kapitulation brachte, reagierte auf ihren Schicksalsschlag nicht aggressiv, sondern verstört, schreckhaft und depressiv. Sie wollte auch das Tierheimgewusel nicht sehen, und verkroch sich in einen lichtlosen Muff. Womöglich hätte eine Sichtblende dem Problem mit der Perdita abgeholfen. Aber sie sollte ja vorgeführt werden.

 

Beide Verhaltensweisen sind nur in ihrem Extremismus vergleichbar, wobei beide robuste Rassen darstellen. Katzen haben grundsätzlich eine feindselige Einstellung. Ihnen fehlen die kooperativen Gene der Hunde. Das liegt an ihren Jagdgewohnheiten als Lauerjäger. In Situationen, wo ihnen die Flucht verwehrt wird, haben sie nur die Alternative von Duldung und Aggression.

Wenn ich Schnurzel packen musste, um sie im Korb zum Tierarzt zu bringen, musste ich anfangs Handschuhe anziehen. Bei jeder Freiheitsberaubung gibt es instinktiv Protest. Dass sie beim Bürsten des Fells noch im Schnurren mit der Pranke zuschlug, weil ihr etwas missfiel, kenne ich auch. Sie flüchtete dann gleich mit schlechtem Gewissen, und ich konnte nur direkt, also auch instinktiv, erwidern, wie ich sie gerade noch erwischen konnte, was sie ohne Groll akzeptierte. Es dauerte mehrere Jahre, dass ich ihr das Zuschlagen abgewöhnen konnte. Bei allem, was mit ihrem Körper zu tun hat, kennt sie keine Kompromisse. Jetzt verlässt sie mich einfach, wenn sie genug hat, oder wenn ihr etwas missfällt. Sie muss immer alles unter Kontrolle haben, und ich muss immer ihre Signale befolgen. Katzen haben im Unterschied zu Katern ein ausgesprochenes Ehrbewusstsein, und sind auf ihre Würde bedacht. Man darf sie mental nicht auf Null bringen, und ihren Willen versuchen zu brechen.

 

Wenn ich lese, dass Perdita „einfach ein Idiot“ sei, so kann ich dazu nur sagen, dass hier der Tierarzt der Idiot ist, mangels Einfühlungsvermögen.

Auf keinen Fall möchte ich die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Tierheims tadeln, die von der Situation überfordert waren. Immerhin hatte ein Mitarbeiter die zündende Idee, wie der Unvermittelbarkeit abzuhelfen sei: Er warb für Perdita als satanisches Wesen (Worlds Worst Cat) , was in altbewährte menschliche Denkmuster einrastete. Schon meldeten sich im Internet eine Menge Leute, die sich als Exorzisten versuchen wollten. So hat sich Perdita letztlich durchgesetzt, und im Tierheim einen sensiblen Katzenversteher gefunden, der ihr ein neues Heim nach ihrem Geschmack verschaffte.