Die Ehrenwerte Gesellschaft

 

 

Es ist allgemein bekannt, dass die Mafia Investitionen in den Tourismus als bevorzugtes Mittel der Geldwäsche und Gewinnmaxi-mierung sieht. Auf Vulcano verfolgt sie eine langfristige Strategie.

Es gab zwei Hindernisse, die eine weitere Entwicklung des Tourismus hemmten. Das erste war die Kleinkriminalität der Taschen- und Gelegenheitsdiebe. Es gibt zwar eine Polizeistation auf halber Höhe zwischen Porto die Levante und Piano, und ab und zu sah man zwei Carabinieri am Hafen, wo sie die Personalausweise ankommender Sizilianer kontrollierten. Möglich ist, dass sie Tipps von interessierter Seite bekommen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich selbst das Leben schwer machten, um möglichst effektiv zu sein. Der größte Feind der großen Ganoven sind die Kleinkriminellen, weil sie die Touris vergrämen. Dieses Problem hatte zu meiner Zeit schon weitgehend die Camorra im Griff. Lediglich zur Hochsaison, wenn die Hafengegend zugeparkt ist, sollen noch Diebe von Milazzo herüberkommen. In der Zeit der Flaute, wenn ich da war, konnte ich mein Appartement recht unbesorgt unabgeschlossen oder sogar offen stehen lassen. Die Mafia kassiert von den Gästen unbemerkt bei den Eigentümern Schutzgeld ab.

Das zweite weitaus gewichtigere Problem war der Wassermangel. Ich konnte im Laufe meiner Aufenthalte über die Jahre die zuneh- mende Versalzung des Leitungswassers feststellen. Die Grundwasservorräte hatten sich erschöpft. Das führte zur Vermüllung der Insel mit Plastikflaschen. Dann gab es offenbar einen Deal: Tankschiffe aus Napoli legten an und pumpten Süßwasser in die Kaver-ne, zum Vorzugspreis, wie ich hörte. Damit lag der Erschließung der Insel für den Massentourismus kein Hindernis mehr im Weg. Die Grundstücke, vor allem auf Vulcanello, welche sich die Camorra vorausschauend billig gesichert hatten, stiegen dadurch bedeutend im Wert. Eine heftige Bautätigkeit setzte ein, und erste Kreuzfahrtschiffe mit Touristen vom Balkan legten an.

Man erfährt diese Dinge mit der Zeit, wenn man keine neugierigen Fragen stellt. Wenn man das tat, bekam man zur Antwort:

      La mafia non c´è.

 

 

 

Eine zufällige Ermittlung

 

Anfang April war die Luft noch recht kühl. An einem Sonntagvormittag setzte ich mich deshalb allein mit einem Buch an dem Ther-malstrand an eine von den heißen Gasen erwärmte Stelle im Norden des Strands, dort, wo Fischerboote auf den Strand gezogen waren. Meine Kleider deponierte ich auf einem derselben, und setzte mich dann mit meinem Buch an den heißen Felsen, der auch den Sand erwärmte.

Nach einiger Zeit erschienen drei junge einheimische Burschen in lässiger Werktagskleidung aus einem roten PKW. Einer davon sprach mich an, ich solle doch meine Sachen aus dem Boot holen. Das war kein Problem. Dann schoben sie das Boot ans Ufer und hängten den mitgebrachten Motor ein. Sie zogen sich dann seltsamerweise wieder zurück und spielten Ball. Sie schienen auf etwas zu warten.

Bald darauf kam dann auch ihr Chef in einem weißen PKW herangefahren. Er gab seinen Jungs Anweisungen, worauf sie ohne etwas mitzunehmen ins Boot stiegen und los in Richtung Süden fuhren. Ihr Chef (ich will ihn schon hier den Capo nennen) ging danach wieder zum Auto zurück und kam erst wieder nach einer halben Stunde zum Strand zurück, nach dem Boot Ausschau haltend. Das aber kam nicht. Also ging er wieder zurück zu seinem Auto, erschien aber nach 10 Minuten wieder und war schon beunruhigt, dass das Boot immer noch nicht kam. Nach weiteren 10 Minuten geriet er schon sichtlich in Panik und ging neben mir erregt auf und ab. Hier war offensichtlich eine wichtige Sache am laufen. Ich war froh, ein Buch als Tarnung dabei zu haben und „markierte den Dusseligen“, wie meine Mutter immer sagte. Die Angelegenheit begann mich investigativ zu interessieren, ich hatte dabei aber auch ein mulmiges Gefühl.

Nach etwa einer Stunde erschien das Boot tatsächlich wieder, allerdings unerwartet von Norden, es hatte die ganze Insel umrundet. Der Capo machte seinem Unmut verhalten (wegen meiner Anwesenheit) Luft, die Standpauke verschob er auf später. Wichtiger war jetzt, was seine Boys mitgebracht hatten: einen Koffer, offenbar wasserdicht, und ein nasses Seil. Er nahm den Koffer an sich und verschwand subito. Seine jungen Mitwisser stellten den vorherigen Zustand wieder her und trollten sich dann auch.

Ein Fall für Commissario Überschlau: An einem Sonntag, an dem die Einheimischen im Sonntagsstaat in schwarzem Anzug in der kleinen Kapelle beten, oder zu besonderem Anlass eine Monstranz mit der hl. Jungfrau vor sich hertragen, machen seine Jungs in popeligen Klamotten einen Ausflug. In der Geschwindigkeit, mit der das Boot losgefahren war, braucht man zur Umrundung der Insel ziemlich genau eine Stunde. Zeit für einen Landgang gab es also nicht. Das Ziel konnte nach der zeitlichen Erwartung des Chefs nur Gelso an der Südspitze der Insel gewesen sein. Dort gibt es eine Anlegemole und Bojen zum Festmachen von Segel- und Motor-booten und vielleicht auch anderem. Nach Einholung der „Beute“ haben die Boys dann gut gelaunt noch eine Spritztour rund um die Insel angehängt. Keine Organisation ist perfekt. Aber was könnte jetzt in dem Koffer gewesen sein?

Im Hafen von Panarea sieht man schon von weitem die Luxusyachten. Die Insel ist als Treff der Schickeria bekannt. Der Inhalt des Koffers könnte also ausreichen, Nasen oder Lungen, oder auch beides, für die kommende Saison dort zu füllen. Gelso ist von Sizilien aus die nächstgelegene Anlandungsmöglichkeit auf den Inseln. Die Lieferung sollte deshalb von der Cosa Nostra stammen. Für alles weitere ist dann die Camorra auf den Inseln zuständig.

Der Capo hatte mich insoweit richtig eingeschätzt, dass ich die Klappe halten würde. Mein bester Schutz war, dass ich nicht zählte. Was könnte ich auch machen, wo kein Tourist weiß, wer mit wem unter einer Decke steckt?

    Ich hingegen sagte mir deshalb: Es geht doch nichts über ein gutes Buch.