Haustiere auf Vulcano

 

Abgesehen von weiß-braun gescheckten Ziegen, die gelegentlich von einem Hirten aus Piano herangetrieben werden, und an den Hängen grasen, sah ich im unteren Bereich der Insel nur Hunde und Katzen.

Was die Hunde betrifft, werden sie von den Einheimischen in ihren eingezäunten Gärten als territoriale Kläffer gehalten. Bloß eine Ausnahme habe ich dort kennengelernt und regelrecht liebgewonnen. Es war ein Retriever Marke Herzensbrecher, der am Strand herumtollte, sich in großen Sprüngen in die Brandung warf, und offenbar mit seiner Schau die Bekanntschaft von Touristen suchte.

Mit Christel waren wir die letzten Gäste am Fumarolenstrand. Auf eine freundliche Einladung ließ er sich nicht zweimal bitten, wollte gestreichelt werden, und folgte uns ganz selbstverständlich zu unserem Quartier, und legte sich dort neben die Tür.

 

 

Betteln tat er nie, aber er war es offenbar gewohnt, dass man ihm freiwillig etwas vorsetzte. Das taten wir dann auch, worauf er dann auch bei uns übernachtete und uns auch tagsüber folgte. Dass er einen toleranten Halter hatte, der sich nie zeigte, war anzuneh-men, denn er machte keinen verwahrlosten Eindruck. Ins Haus wollte er nicht. Er wahrte taktvoll die letzte Distanz und wurde nie aufdringlich. Er war so selbständig wie eine Katze. Wenn ich mit ihm durch die Gärten der Einheimischen ging, zeigte er dem wüsten zähnefletschendem Gebell links und rechts keine Beachtung, so als ob es das nicht gäbe, und trottete völlig locker neben mir her.  Nie habe ich ihn bellen oder knurren gehört, den Signalen der Kulturlosigkeit. Wenn es ihm bei uns zu langweilig wurde, schloss er sich einem Touristen-Auftrieb zum Krater an und war danach wieder zur Stelle. Da er von uns auch gefüttert wurde, blieb er einfach bei uns und wurde unser ständiger Begleiter. Seine liebenswürdige promiskuitive Art hatte ihm die Freiheit gegeben, ohne Halsbän-der und Ketten herumzuscharwenzeln. Vielleicht kam er auch ohne festen Halter aus, war einfach der Liebling von allen. Mit seinem einnehmenden Wesen gab es für ihn als Kult-Hund kein Problem im Winter, einen oder mehrere Gönner zu finden. Seine Prinzipien: Niemals gierig und aufdringlich sein, dann bekomme ich freiwillig, was ich brauche.

Beim Abschied folgte er bis zur Fähre. Die Trennung fiel mir schwer, am liebsten hätte ich ihn mitgenommen. Aber seine Lieblings-rolle als Touristen-Maskottchen konnte er nur auf der Insel ausleben.

 

Wenig erfreulich war die Katzenplage, die ich nicht fotografisch dokumentieren wollte. Eines Morgens brachte ich den Müll zu den beiden Containern, die gegenüber der Einfahrt unserer Unterkunft standen. Da hörte ich aus einem jämmerliches Gewinsel. Ich zog zwei verknotete Plastiktüten heraus und brachte drei soeben entwöhnte Kätzchen ans Licht. Eines war schon so krank, dass keine Hoffnung mehr bestand. Sie folgten mir, und ich konnte sie zunächst mit einer Schale Milch beköstigen. Eine Nachbarin wollte sich gern um die armen Wesen kümmern und nahm mir einen großen Teil der Verantwortung ab.

Im Jahr darauf hielten bei meiner Ankunft ca. zwei Dutzend Katzen die Müllcontainer besetzt und schwärmten von ihrem Standort in die benachbarten Resorts aus, wo sie aggressive Bettelei betrieben: Das Leben hatte es mit ihnen bislang nicht gut gemeint, und so schrieen sie solange vor der Tür, bis man ihnen etwas zu essen rausbrachte. Wie ich hörte, war die gutmütige Versorgerin des Katzen-Wigwams verstorben und so blieb den Katzen nichts anderes übrig, als zur Plage zu werden. Es war schon Oktober, die Touristensaison ging zu Ende, und damit gab es immer weniger mögliche Versorger. Zwar gab es massenhaft Eidechsen auf der Insel, um nicht verhungern zu müssen, aber die Katzen hatten nicht gelernt sie als Nahrungsquelle zu nutzen. Eine Katze, die stän-dig auf dem Grundstück blieb, hatte verdrehte Halswirbel und konnte den Kopf nur schief halten. Keine ließ sich streicheln. Die ganze Zeit lebten wir in einer Art Belagerungszustand. Zwei Katzen erfreuten mich aber eines Abends mit einem höchst seltenen Kunstgenuss, den ich weder früher noch später jemals zu hören bekam: einem Katzenkonzert, nicht zu verwechseln mit Paarungsgeschrei. Sie hockten einträchtig nebeneinander und heulten ähnlich den Wölfen, bloß in höherer Tonlage.

Bei der Abreise konnte ich die Verantwortung noch an eine italienische Urlauberin weitergeben, aber ich konnte mich keinen Illusionen über das zukünftige Schicksal der Katzen hingeben. Als ich im nächsten Jahr wiederkam, waren alle Katzen verschwunden. Im  Spätherbst musste es ein Massaker gegeben haben. Man war wohl um den guten Ruf der Insel bei den Touristen besorgt, und schritt erst nach deren Abreise zur Tat.